Umschulung.
Der Altbau – ein steinerner Zeuge des Zeitenwandels
Die Geschichte Deutschlands seit 1900 erzählt anhand des Altbaus der Leibnizschule, ein materialgestütztes Schreibprojekt des Deutschgrundkurses Q2 Schuljahr 2023/24 von Frau Schöne in Anlehnung an Jenny Erpenbecks Roman “Heimsuchung” (2007). Alle Geschichten und ihre Figuren sind fiktiv, können sich aber so ähnlich im Altbau abgespielt haben.
Der Hausmeister – Prolog
Woher er gekommen ist, weiß an der Leibnizschule in Offenbach am Main niemand. Vielleicht war er immer schon da. Um das Jahr 1900 kümmert er sich um alle Belange der Schule, hält die Klassenzimmer sauber und sorgt dafür, dass die Öfen im Winter geheizt sind. Er repariert Fenster und Türen, kümmert sich um den Garten und die Grünflächen der Schule, schneidet die Hecken und pflegt die Beete. Er selbst besitzt kein eigenes Haus, lebt allein in einer kleinen Kammer im Dachgeschoss der Schule. Jeder an der Schule kennt ihn, aber dennoch wird er von allen, Lehrern und Schülern, nur “der Hausmeister” genannt, als hätte er sonst keinen Namen. Seine Arbeit ist anstrengend und fordernd, und er trennt sie klar von seinen Gefühlen. Seine Zufriedenheit schöpft er nicht aus der Anerkennung der Menschen, sondern aus der Ordnung und Sauberkeit, die er in der Schule schafft. In einer Zeit, in der der Fortschritt langsam auch Offenbach am Main erreicht, bleibt er ein verlässlicher Anker im Alltag der Schule. So beginnt das 20. Jahrhundert an der Leibnizschule, mit einem Hausmeister, der seine Pflicht erfüllt, ohne zu klagen oder zu hinterfragen. Doch die Zeiten ändern sich – und mit ihnen auch er.
Der Rekrut
Arnold wacht in seinem Zimmer auf. Es ist der 10. Februar 1914 in Offenbach am Main. Der Morgen ist kalt, und die Sonne strahlt durch die Vorhänge. Er zieht sich langsam an, seine Gedanken schweifen noch im Halbschlaf. Er öffnet das Fenster und atmet die frische Morgenluft ein, bevor er sich auf den Weg in die Küche macht. Dort riecht es bereits nach frisch gebrühtem Kaffee und warmen Brötchen. Seine Mutter ist wie immer schon früh auf den Beinen und bereitet das Frühstück vor.
„Morgen, Arnold“, sagt sie liebevoll, als er den Raum betritt.
„Morgen Mama“, antwortet er und setzt sich an den Tisch, wo sein Vater bereits mit der Zeitung in der Hand sitzt und seinen Kaffee trinkt.
„Komm her, setz dich“, sagt sein Vater mit einer gewissen Strenge in der Stimme. Arnold nimmt Platz und beginnt, sein Brötchen zu schmieren. Die Atmosphäre am Frühstückstisch ist wie immer ruhig, aber heute spürt Arnold eine gewisse Anspannung in der Luft.
Während des Frühstücks erzählt sein Vater, ein angesehener Richter, von seiner letzten Gerichtsverhandlung. „Wir hatten gestern einen Fall von Dienstverweigerung. Der Mann wurde zu einer Gefängnisstrafe verurteilt“, berichtet er stolz. „Diese Feiglinge und Parasiten schaden dem Kaiserreich nur.“
Arnold nickt zustimmend, obwohl ihm die Thematik nicht besonders am Herzen liegt. Jedoch weiß er, die Meinung seines Vaters zu respektieren und nicht zu hinterfragen. Nach dem Frühstück packt er seine Schulsachen und macht sich auf den Weg zur Leibnizschule. Unterwegs trifft er seinen besten Freund Wolfgang.
„Morsche, Arnold“, ruft Wolfgang ihm entgegen.
„Morsche, Wolfgang, Hast du es schon mitbekommen? Mein Vater hat gestern einen Dienstverweigerer verurteilt“, erzählt Arnold, während sie gemeinsam zur Schule weitergehen.
„Gut so, solche Leute verdienen nichts anderes.“, antwortete Wolfgang, während sie durch die Straßen schlendern.
An der Schule angekommen, geht Arnold in sein Klassenzimmer. Sein Lehrer, Herr Schmitz, ist bereits da und bereitet den Unterricht vor. Im Gegensatz zu den anderen Lehrern hält Arnold viel von Herrn Schmitz. Er ist vertrauenswürdig und gutherzig. Im Gegensatz zu den anderen Lehrern äußert er sich kaum zu den politischen und militärischen Geschehnissen in Deutschland. Ganz anders als Herr Fischer, der immer mit großer Begeisterung von seinem damaligen Militärdienst erzählt und die Schüler mit seinen Geschichten in den Bann zieht.
Arnold denkt oft, dass es leicht für Herrn Fischer ist, so zu reden, da er schon lange aus dem Militärdienstalter heraus ist. Die Schüler hören ihm immer fasziniert zu, aber Arnold bleibt skeptisch.
Nach dem Unterricht geht Arnold an der Bäckerei vorbei, wo er regelmäßig einkauft. Dort arbeitet ein Mädchen als Aushilfe, das er sehr hübsch findet. Er hat sie schon oft gesehen und überlegt, wie er sie ansprechen könnte. Ihre leuchtenden Augen und ihr freundliches Lächeln haben es ihm angetan, aber er ist zu schüchtern, um sich mit ihr zu verabreden.
Arnold sehnt sich oft danach, das Mädchen anzusprechen, aber er zögert jedes Mal. „Vielleicht heute“, denkt er sich, als er an der Bäckerei vorbeigeht. Aber er schafft es nicht, dass die Worte über seine Lippen kommen.
Einige Monate später fehlt Herr Schmitz plötzlich. Herr Fischer übernimmt seinen Unterricht und verkündet den Schülern, dass Herr Schmitz wegen Hochverrats verhaftet wurde. „Er hat sich kritisch gegen das Kaiserreich geäußert“, erklärt Herr Fischer mit ernster Miene. Arnold ist schockiert, aber er akzeptiert es, denn Zweifel und Widerspruch an den Worten seiner Lehrer sind ihm fremd.
Kurz darauf, am 28. Juni, ist überall in den Zeitungen die Nachricht zu lesen: Franz Ferdinand wurde in Sarajevo erschossen. Wenige Tage später erklärt Deutschland den Krieg. Arnold spürt eine Mischung aus Angst und Aufregung, aber er weiß noch nicht, was er von der Situation halten soll.
Am nächsten Tag hält Herr Fischer eine imposante Rede in der Schule. „Meine jungen Herren, dies ist eine Zeit, die Geschichte schreiben wird. Jeder von euch hat die Pflicht, das Kaiserreich und das Vaterland zu verteidigen. Die Angreifer sind vor den Toren, und es liegt an uns, sie zurückzuschlagen. Ihr seid die Zukunft Deutschlands, und es ist eure Ehre und Pflicht, für Kaiser und Vaterland zu kämpfen!“
Arnold sitzt in der ersten Reihe und fühlt, wie die Worte von Herrn Fischer ihn durchdringen. Diese Worte entfachen ein Feuer in Arnold. Er fühlt sich motiviert und bereit, für sein Land zu kämpfen. Kurz darauf wird er für den Militärdienst rekrutiert.
Während der Rekrutierung lernt Arnold viele verschiedene Menschen kennen. Da ist Heinrich, ein Bäcker aus Berlin, der sein Handwerk aufgeben musste. Dann gibt es Karl, einen Lehrer aus Bayern, der für seine Schüler in den Krieg zieht. Trotz ihrer unterschiedlichen Hintergründe sind sie alle von dem gemeinsamen Ziel vereint, ihr Vaterland zu verteidigen. Sie sprechen über ihre Hoffnungen und Ängste, und Arnold fühlt sich zum ersten Mal in seinem Leben als Teil von etwas Größerem.
Die Rekrutierung zieht sich über Wochen hin, und Arnold durchläuft verschiedene Stationen, von medizinischen Untersuchungen bis hin zu Waffenübungen. Jeden Tag fühlt er sich weiter entfernt von seinem alten Leben in Offenbach, während der Schatten des Krieges immer näher rückt.
Arnold wird nach Frankreich geschickt, wo es bereits zu erbitterten Grabenkämpfen gekommen ist. Die Realität des Krieges trifft ihn hart. Er sieht, wie Kameraden neben ihm fallen, hört die Schreie der Verwundeten und erlebt die unbarmherzige Brutalität des Krieges. Die Tage sind geprägt von endlosem Trommelfeuer, der Gestank von Tod und Verwesung liegt ständig in der Luft. Die Nächte sind kalt und schlaflos, das Krachen der Artillerie ist unaufhörlich.
Die Schrecken des Krieges übertreffen alles, was Arnold sich jemals vorstellen konnte. In den Schützengräben herrscht ein ständiger Mangel an Essen und sauberem Wasser, Krankheiten breiten sich schnell aus. Arnold sieht seine Kameraden unter den schrecklichen Bedingungen leiden. Jede Minute, die sie im Graben verbringen, ist ein Kampf ums Überleben.
Arnold erinnert sich an die Geschichten von Herrn Fischer, aber nichts hätte ihn auf diese Realität vorbereiten können. Er denkt oft an seine Familie, an das friedliche Leben in Offenbach und an die Tage in der Leibnizschule, die jetzt wie eine ferne Erinnerung erscheinen. Die Schreie der Verwundeten verfolgen ihn selbst im Schlaf, und die ständige Angst, die nächste Kugel könnte seine sein, lässt ihn nicht los.
In einem besonders heftigen Gefecht wird der Graben, in dem Arnold sich befindet, überrannt. Kugeln fliegen durch die Luft, Granaten explodieren um ihn herum. Der Boden bebt unter den schweren Einschlägen. Plötzlich spürt er einen stechenden Schmerz in seinem Bauch. Er blickt nach unten und sieht das Blut aus der Wunde strömen. Panik überkommt ihn, als er zu Boden fällt.
Arnold liegt im Dreck, um ihn herum Chaos und Tod. Die Geräusche des Kampfes werden leiser, seine Sicht verschwimmt. In diesem Moment der Dunkelheit und Verzweiflung, als sein Leben langsam schwindet, taucht plötzlich das Bild der Bäckerin vor ihm auf. Er erinnert sich an ihre leuchtenden Augen und ihr warmes Lächeln, das ihn jedes Mal erfreut hat, als er sie sah. Doch jetzt, während er im Sterben liegt, überkommt ihn ein tiefes Bedauern. Er bereut zutiefst, dass er nie den Mut aufgebracht hat, sie anzusprechen, nie die Worte gefunden hat, um sie kennenzulernen. Die Chance auf eine mögliche Liebe, auf ein erfülltes Leben, vergeht mit ihm im Schlamm und Blut des Schlachtfeldes.
Mit seinen letzten Atemzügen denkt er an seine Familie, seine Freunde an der Leibnizschule und die Rede von Herrn Fischer. Er erinnert sich an die Gerichtsverhandlung, von der ihm sein Vater erzählt hat, und realisiert jetzt, was für ein leichtsinniger Narr er doch war. Die stolzen Worte seines Vaters hallen in seinen Ohren nach, und er erkennt, dass er blind dem Pfad der Pflicht gefolgt ist, ohne die Konsequenzen zu bedenken.
Arnold schließt die Augen und nimmt seine letzten Atemzüge. Er spürt die Kälte, die ihn umgibt, und hört das entfernte Dröhnen der Kanonen. Seine Gedanken driften zurück zu den friedlichen Tagen in Offenbach, zu den vertrauten Gesichtern und den einfachen Freuden des Alltags. Mit einem letzten Seufzer verstirbt er, allein auf dem Schlachtfeld, als ein weiteres Opfer an der Gedenktafel der Leibnizschule.
Der Hausmeister
Der Hausmeister betritt die Schule früh am Morgen und beginnt seinen Tag damit, die Klassenzimmer zu lüften und zu fegen. Er sorgt dafür, dass die Öfen in den Klassenzimmern brennen, um den Schülern eine warme Umgebung zu bieten. Die überfüllten Klassenzimmer stellen ihn vor Herausforderungen: kaputte Stühle und Tische sind an der Tagesordnung. Mit Hammer und Nägeln bewaffnet, repariert er sie geduldig. Die Flure und Treppenhäuser fegt er mehrmals täglich, um den Schmutz und Staub in Schach zu halten. Er kontrolliert die Fenster, damit sie dicht schließen und keine kalte Luft hereinlassen. Wie ein dichter Nebel hängt eine bedrückende Stimmung in den Fluren des Altbaus. Die Gesichter der älteren Schüler, die er kannte, verschwinden, man sagt ihm, der Kaiser habe sie zum Militärdienst einberufen(1). Doch bietet ihm die Routine der Schule einen gewissen Halt und Ablenkung, sodass er sich keineswegs bei seiner Tätigkeit ablenken lässt.
Der Junge
Der erste Schultag in der Unterprima nach den Sommerferien hat begonnen. Er ist auf dem Weg zur Schule. Erst den Weg an den Denkmälern vorbei, dann am Pavillon und zum Schluss am Teich des Dreieichparks. Dann erreicht er das Realgymnasium, das Leibniz-Reform-Realgymnasium in Offenbach.1 Vor einigen Jahren waren alle noch glücklich und zufrieden und haben Swing auf dem Schulhof getanzt, jetzt sieht er seine Freunde weniger lachen und voller Sorgen. Die Krise im letzen Jahr, welche seine Lehrer als „Krisenjahr“ beschreiben, erinnert ihn an das Jahr von 1923. Er würde sogar behaupten, dass es damals noch schlimmer war, obwohl sie auf dem guten Weg zu sein schienen. Er war doch so glücklich, aber nun verblassten die Wünsche für seine Zukunft und seine Welt zerbrach in mehrere Stücke. Als Sohn einer einfachen Arbeiterfamilie hatte er sowieso keine beste Zukunft vor Augen. Die Stadt Offenbach durchlief zuletzt erhebliche Veränderungen und Herausforderungen, die auch sein Leben als Schüler des Leibniz-Reform-Realgymnasiums prägten. Seit dem Ersten Weltkrieg befindet sich Offenbach in einer schwierigen Lage. Die wirtschaftlichen Probleme sind allgegenwärtig. Seine Familie und viele andere kämpfen mit Arbeitslosigkeit und Armut. Sein Freund, der Sohn des Bäckers, leidet enorm darunter, da sie ihre gesamte Lebensgrundlage verloren haben. Er ist ein guter Junge, auch wenn er bei manchen Dingen anderer Meinung ist. Die Straßen der Stadt sind oft überfüllt mit Menschen, die verzweifelt nach Arbeit suchten. Auch seine Eltern gehören zu diesen Menschen, und Gott sei Dank haben sie trotz Verzweiflung nicht die Hoffnung aufgegeben. Jeden Sonntag beten sie auf ein Wunder, das ihre Situation verbessern würde. Besonders eindrucksvoll war für ihn die Zeit der Hyperinflation. Dass man das Hyperinflation nennt, hat er von seinem Geschichtslehrer gelernt. Es war unfassbar, wie schnell das Geld an Wert verlor. Er erinnert sich, wie seine Eltern eines Tages einen riesigen Stapel Geldscheine mitbrachten und er fragte: „Papa woher hast du das ganze Geld?“. Er sah ebenfalls Menschen auf der Straße, welche das Geld mit Schubkarren transportierten. Dieses Geld reichte kaum aus, um Grundnahrungsmittel zu kaufen. Die Preise änderten sich so schnell, dass Händler manchmal die Preise mehrmals am Tag aktualisieren mussten. Trotz der schwierigen Zeiten sorgen Hilfsaktionen wie die Suppenküchen dafür, dass einige Kinder wenigstens eine Mahlzeit am Tag erhalten.2
Und dann, an einem kalten Novembertag im Jahr 1923, als die Nachrichten aus München auch das kleine Offenbach erreichen, wachsen sich die Sorgen der Bevölkerung. Eigentlich hat der Tag wie jeder andere begonnen, doch als er von den beunruhigenden Nachrichten aus München hört, hat der Junge viele Fragen im Kopf. Sein Vater teilt ihm besorgt mit, dass Adolf Hitler und seine Anhänger versucht haben, die Macht an sich zu reißen. An dem Tag ist nun die Stimmung bedrückter als ohnehin schon. Er versteht, dass etwas Großes und Dunkles im Gange ist, etwas, das weit über das kleine Offenbach hinausreicht. An diesem Abend liegt er lange wach und denkt über die Zukunft nach. Die Welt scheint plötzlich noch viel unsicherer zu sein. Er beginnt laut sich selbst fragen zu stellen: „Was würde geschehen, wenn Hitlers Leute an die Macht kämen? Würde es jemals wieder Frieden geben?“
Während er in die Dunkelheit starrt, hört er die leisen Stimmen seiner Eltern aus dem Wohnzimmer. Ihre Worte klingen voller Sorge und Unsicherheit. In dieser Nacht wird dem Jungen klar, dass die Ereignisse in München nicht nur ferne Nachrichten sind, sondern die Leben aller beeinflussen würden. Die Stille von Offenbach war trügerisch. In dieser kleinen Stadt am Main würden die Erschütterungen zu spüren sein, welche durch das ganze Land gehen. In den „Goldenen Zwanzigern“, wie es alle Erwachsenen nannten, gab es eine kurze Phase der wirtschaftlichen Erholung, die auch in Offenbach ankam. Die Stadt begann aufzublühen und es gab Anzeichen von Hoffnung und Aufschwung. Die Menschen waren wieder gut gelaunt, und in dieser Zeit sammelte er schöne Erinnerungen mit seinen Freunden Heinrich und Frank, und die Schulzeit machte ihm auch sehr viel Spaß. Aber diese gute Zeit hielt nicht lange an. Die Weltwirtschaftskrise von 1929 traf alle schwer. Offenbach hatte eine der höchsten Arbeitslosenquoten in Deutschland und die Verzweiflung unter den Menschen nahm zu.3 In seiner Schule nahm er wahr, wie viele seiner Mitschüler plötzlich aus noch ärmeren Verhältnissen kamen.
Seitdem hat sich nicht viel verändert, viele Eltern der Jungs an der Schule finden bis heute keine Arbeit mehr. Sein bester Kamerad Heinrich spielt mit dem Gedanken, die Schule abzubrechen, um Arbeit zu finden, damit er seine Familie unterstützen kann. Sie kommen gerade so über die Runden. Seitdem ragt eine Kluft, welche ihm große Sorge bereitet. Die politische Situation ist ebenfalls angespannt. Seit dem Herbst letzten Jahres herrschen Streitigkeiten oder Schlägereien in der Schule sowie auf den Straßen, denn seit 1923 hat die extreme Rechte mehr Macht dazugewonnen und die verschiedenen politischen Parteien sorgen für einen größeren Spalt in der Gesellschaft.4
Als er die Schule betritt und in sein Klassenzimmer geht, hört er seinen zwei besten Kameraden bei deren Gespräch zu. Sie reden über die bevorstehenden Wahlen. Heinrich und Frank unterhalten sich über die unterschiedlichen Parteien, dabei hört er nur zu. Heinrich erzählt begeistert über das Wahlprogramm der NSDAP: „Ich finde es toll, dass die Partei sich so sehr für Leute wie uns einsetzt.“ Vorher hatte die Politik ihn nicht interessiert, doch jetzt leuchtet seit einer langen Zeit wieder Begeisterung in seinen Augen. Er betont jeden Punkt des Programms und ist total eingenommen. Frank ist davon nicht sehr überzeugt. Als Jude fühlt er sich von dieser Ideologie ausgeschlossen, deshalb halten Frank und der Junge nichts von der NSDAP. Alle seine Kameraden, mit denen er sonst nach der Schule Fußball gespielt hate, sind nun Jugendorganisationen beigetreten. Insbesondere Heinrich verbringt seine Freizeit überwiegend dort. Frank und der Junge verbringen die meiste Zeit gemeinsam, vorher waren sie zu dritt.
Nach dem Klingeln sieht er am Ausgang eine Gruppe von Jungen und, als er näher an das Geschehen kommt, sieht er Heinrich und seine Gruppe mit Flugblättern. Heinrich erblickt ihn und drückt ihm eines in die Hand. Als er sich dieses Flugblatt anschaut, sieht er zuerst das große Logo der NSDAP: ein Kreuz mit Haken daran. Auf dem Blatt steht ganz groß in weißer Schrift „Schafft mit uns DAS DRITTE REICH“, darunter in schwarzer Schrift: “Wählt Liste 9.5!” Ein anderes Flugblatt gelangt ebenso zu ihm. Welches auch ein Propagandaposter der NSDAP ist.
Auf dem Poster ist eine Illustration zu sehen, in der eine Figur, die Adolf Hitler darstellen soll, einen Vorhang aufreißt und eine Szene enthüllt. Im Hintergrund sieht man eine Karikatur eines Juden, der hässlich dargestellt wird. „Frank sieht doch nicht so aus wie auf diesen Bildern!“, verhallt der Ausruf des Jungen. Neben diesen Flugblättern gibt es noch zahlreiche andere, welche immer brutaler wurden.
Auf dem Poster befindet sich ein Satz, der lautet: „Darum herein in die Kampffront Adolf Hitlers gegen Börse und das ganze jüdische Ausbeuterkapital! Tretet ein in die National-Sozialistische Deutsche Arbeiterpartei!“6
Jetzt fällt dem Jungen auf, dass andere Leute seiner Umgebung beginnen, Vorurteile gegenüber Juden zum Ausdruck zu bringen, am offensichtlichsten ist es bei Heinrich, denn immer, wenn Frank neben ihm ist, läuft er an ihnen vorbei oder nimmt sie gar nicht mehr wahr.
Nach den Wahlen – die NSDAP hat mehr Anhänger und 15% mehr an Stimmen als bei den vorherigen Wahlen erreicht – bildet sich auf der Schule eine Gruppe von Unterstützern der NSDAP. Die Gruppe besteht aus Heinrich und weiteren Jungen der Unter- und Oberprima. Alle besuchen die Jugendorganisationen und setzen sich stark für die deutsche Arbeiterschaft ein. Ein älterer Freund von Heinrich, der kurz vor seinem Abitur steht, möchte nach dem Abschluss der NSDAP beitreten. Im Physikunterricht, im zweiten Stock der Schule, erzählt Heinrich begeistert davon, da fest vorhat, sich der NSDAP anzuschließen. Jedoch hört der Junge Heinrich gar nicht mehr zu, sondern ist tief in seinen Gedanken. Während er von seinem Sitz aus die Tafel gegenüber anstarrt, redet Heinrich leise auf sie ein. Der Junge fragt sich, wie Heinrich auf so einen Mist hereinfallen kann. Das alles ergibt für ihn keinen Sinn. Frank ist noch viel verzweifelter und weiß nicht, was er und seine Familie machen sollen, wenn diese Partei an die Macht kommen sollte: „Wir müssen bestimmt weg von hier.“ Das Parteiprogramm macht ihm sowie anderen Angst. Frank und er ignorieren Heinrich den restlichen Tag über.
Als es zum letzten Mal für den Tag gongt, stürmen alle Knaben aus den Klassenräumen. Seine letzte Stunde hatte er im obersten Stockwerk, weshalb er sich durchdrängeln muss, um schnell die Schule verlassen zu können. Er rennt gemeinsam mit Frank, den er im zweiten Stockwerk trifft, die breiten Treppen des Gebäudes bis zum Eingang herunter. Bevor sie die Eingangstür erreichen, dreht er sich noch einmal zum Brunnen und schaut nach Heinrich. Auf den Treppen sieht er ihn nicht. Er hofft darauf, ihn jetzt zu sehen, um die Situation von vorhin klären zu können. Vielleicht muss das auch bis morgen warten. Frank und er quetschen sich weiter durch die ganzen Mitschüler und erreichen den Haupteingang. Die große schwarze Tür mit den auffälligen Griffen steht offen und sie laufen für den restlichen Tag in ihre Freiheit. Jeder hat ein Lächeln auf dem Gesicht und ist bereit nach Hause zu gehen. Bis sie auf dem Schulgelände lauter schreiender Stimmen hören. Frank und er nähern sich der Jungengruppe und versuchen einen Blick auf die Situation zu werfen. Frank und er drängeln sich bis ganz nach vorn und sehen Heinrich, der über einen anderen Mitschüler der Oberprima kniet und auf ihn einschlägt. Das Opfer hat schon eine blutige Nase, doch Heinrich hört nicht auf. Sie schreien ihn an: „Heinrich, was machst du da, hör auf! Es reicht! Ihm wird noch was passieren.“ Frank und er müssen ihn von dem Jungen wegzerren, erst dann beruhigt er sich. Die anderen Jungen verlassen die Schule jetzt endgültig. Nach mehrmaligem Nachfragen erklärt Heinrich: „Er weiß nicht, wie er über die NSDAP redet! Er sagt, er findet die Partei lächerlich, lächerlich!“ Normalerweise war die Schule wie ein zweites Zuhause, nun fühlen sich viele Schüler wie Frank und der Junge nicht mehr zugehörig.
Der Hausmeister
Die Hakenkreuzfahne ist gehisst und eine neue Zeit beginnt. Der Hausmeister steht vor großen Herausforderungen. Die Kriegsschäden des Ersten Weltkriegs sind auch Jahre später noch zu sehen: Das Dach ist links des Uhrentürmchens stark beschädigt, und es mangelt an Geld für umfassende Reparaturen(3). Mit den wenigen Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen, improvisiert er und installiert Dachpappen, um zumindest vorübergehend Schutz vor Regen und Schnee zu bieten. Blutiger Schneematsch bedeckt manchmal die Schulhöfe, wenn sich Knaben der Unterprima schlagen, als wäre der Pausenhof ein Schlachtfeld. Täglich fegt der Hausmeister ihn weg, um den Schülern den Weg zu ebnen. Die Schule ist weiterhin stark überfüllt. Der Hausmeister räumt und reinigt ständig die Flure, die nun auch als Klassenzimmer dienten. Sogar in seinem eigenen Büro werden Schüler unterrichtet.(3) Trotz der widrigen Umstände hält er die Heizungen in Betrieb und sorgt dafür, dass die Räume so gut wie möglich beheizt sind. Er repariert beschädigte Möbel, schichtet Holz und kümmert sich um jeden Winkel der Schule, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Welchen Unterschied macht es da, dass „Guten Morgen“ nun Heil Hitler!“ heißt?
Der junge Soldat
Der Schulalltag startet nach den Ferien mit dem Kampflied der SA. Währenddessen wehten die National- und Reichsflagge vom Uhrenturm der Hindenburgschule. Alle singen mit. Für ihn ist das ungewohnt. Er ist sonst zu dieser Zeit schon in der Schreinerwerkstatt. Doch jetzt muss er zuerst zum Deutschunterricht. Neuerdings ist Herr Ehrmann nicht mehr da, der sonst nie krank wird, fehlt nun schon zwei Wochen. Er weiß, dass die Erklärung der Schulleitung nicht wahr sein kann. Irgendetwas ist Herr Ehrmann zugestoßen. Der neue Deutschlehrer Dr. Heil versteht das Prinzip des Unterrichts nicht, denn er erzählt schon wieder die ganze Stunde nur über Hitler und die Erfolge der SS-Truppe. Der Junge ist jedoch misstrauisch gegenüber Dr. Heils Parolen. Er unterbricht ihn und hinterfragt die Härte der SS-Truppen und Dr. Heils Beschönigungen. Dr. Heil ist entsetzt und beginnt ihn anzuschreien. Er brüllt ihn vor der ganzen Klasse an und macht deutlich, dass Hitlers Entscheidungen makellos sind. Er wird zum Direktor geschickt und er muss sich auf eine Tracht Prügel einstellen und weitere nationalsozialistische Ideologie.
Er läuft den Flügel der Schule entlang und am Brunnen, der noch so plätschert wie eh und je. Dabei vergisst er kurz was eben passiert war und worauf er sich einstellen muss. Als er beginnt die Treppe in den ersten Stock hochzulaufen dämmert es ihm wieder. Er läuft den Flur entlang und sein Herz beginnt immer schneller zu pochen. Der Junge hinterfragt, ob es die richtige Entscheidung war Dr. Heil zu unterbrechen. Er klopft an die Tür des Rektors, der ihn hereinbittet. Seine Vorstellungen, die ihm nun passieren könnten, schießen ihm durch den Kopf. Er überspielt die Gedanken und reißt die Tür auf, doch der Rektor beachtet ihn kaum und scheint sehr gestresst. Er erledigt eine Menge Papierkram. Dem Jungen fällt auf, dass das Büro vom Rektor mit vielen Bildern geschmückt ist. Es sind Portraitbilder vom Reichskanzler Hitler und eins vom Reichspräsidenten. An der Wand hinter dem Rektor hängt eine Nationalflagge und an seinem Schreibtisch ist ein hölzernes Hackenkreuz angebracht.
Der Rektor bemerkt den Jungen und fragt, was er hier zu suchen hat. Der Schüler versucht die Situation aus dem Klassenzimmer zu schildern. Doch er fängt an zu stottern und der Rektor ermahnt ihn mit lauter und deutlicher Stimme seine Frage zu beantworten. Während der Schüler die Situation erklärt blieb der Rektor erstaunlich ruhig. Entgegen der Erwartung des Schülers. Doch als er gerade fertig ist alles zu erklären, steht der Rektor ruhig auf und geht an einen Schrank. An der Seite des Schranks lehnt ein langer dünner Stock. Er nimmt den Stock und sagt in einem ausgeglichenem Ton, der Schüler solle seine Hand auf den Tisch legen. Er ist verwirrt und zögert. Plötzlich bricht der Rektor aus vor Wut und schreit ihn an, er solle endlich seine Hand auf den Tisch legen. Er schlägt dem Schüler zehn Mal ununterbrochen auf die Finger. Danach ermahnt er ihn, dass es dabei bleiben würde. Doch sollte er nochmal seinen Lehrer in Frage stellen würde, würde es weitere Konsequenzen geben.
Der Schüler muss nun zum Mathe Unterricht im Erdgeschoss. Er geht wieder mit brennenden, geschwollenen Händen den Flur des ersten Stocks entlang und geht die große Treppe herunter. Das Plätschern des Brunnen ist wieder zu hören und er hält kurz inne und schaut sich den Brunnen an. Plötzlich gongt es und aus allen Klassenzimmern strömen Schüler. Er drängt sich durch die Massen an Schülern und gelangt zu seinem Klassenraum. Dort fällt ihm auf, dass sein Freund Otto heute gar nicht da ist. Wegen des ganzen Aufruhrs vorhin ist ihm das gar nicht aufgefallen. Er fragt einen seiner Mitschüler, ob er weiß, warum Otto nicht da ist. Doch er hat auch keine Ahnung. Der Lehrer ermahnt die beiden dem Unterricht zu folgen, der schon längst begonnen hat. Der Schüler konzentriert sich wieder auf den Unterricht, um nicht schon wieder Ärger zu bekommen. Der Schultag geht ohne weitere Ereignisse zu Ende und der Schüler geht nach Hause.
Am nächsten Schultag wird wieder zuerst die Nationalhymne gesungen. Der Schüler macht sich danach direkt auf den Weg in die Schreinerwerkstatt, um dort wie sonst auch, seine Ruhe zu finden, da er beim werkeln die Welt um sich herum ein bisschen vergessen kann. Irgendetwas ist heute, aber ungewöhnlich. Plötzlich fällt es dem Schüler auf. Otto, der sonst zu dieser Zeit auch immer in der Werkstatt ist, ist nirgends zu sehen. Als der Schüler einen der anderen Jungen in der Schreinerwerkstatt fragt, was mit Otto los sei, sagt dieser, dass Otto laut den Lehrern mit seinen Eltern kurzfristig in den Urlaub gefahren sei. Der Schüler denkt sich nichts dabei und geht seinem Hobby nach. Heute sollen Tische und Stühle hergestellt werden, da die Innenausstattung der Schule schon alt ist und um diese wiederherstellen zu können, falls etwas kaputt gehen sollte. Der Tag ist sonst wie jeder andere, aber heute ist er etwas erschöpft von der Anstrengung in der Schreinerwerkstatt.
Nach dem ganzen Trubel und der Unruhe in der Schule freut er sich heute auf den Tag in der Schule. Es finden die Reichsjugendspiele statt. Der Schüler ist sehr motiviert und zuversichtlich, dass er eine tolle Leistung hinlegen wird. Heute sind die Disziplinen der Leichtathletik dran, und zwar Weitsprung, 100m-Sprint und Weitwurf. In der Schule angekommen, fällt ihm auf, dass die Reichsjugendwettkämpfe von den Lehrern ernster genommen werden als sonst. Selbst Dr. Heil ist anwesend, obwohl er normalerweise nicht den Eindruck macht, sich wirklich für solchen Sport zu interessieren. Der Plan ist sehr strikt und sie werden aufgefordert, die Spiele ernst zu nehmen und unser Bestes zu geben.
Der Schüler soll mit einer kleinen Gruppe seines Jahrgangs mit dem Weitwurf beginnen, seiner Lieblingsdisziplin. Hier ist er zuversichtlich, Top-Werte erreichen zu können. Der erste Versuch erreicht 42 Meter, ein reiner Erfolg. Die Lehrer notieren sich die Werte und schauen weiterhin kritisch. Es scheint ernst zu sein. Der Spaß steht mittlerweile bei den Schülern nicht mehr im Vordergrund, sie wollen alle eine sehr gute Leistung erzielen. Der zweite Wurf erreicht 38 Meter, immer noch ein guter Wert. Beim letzten Wurf gibt er noch einmal alles, es sind 43 Meter geworden. Die Lehrer sind sehr aufmerksam und es gibt ein kleines Lob für den Schüler.
Nun soll er zum 100m-Sprint. Auf dem Weg zur Tartanbahn trifft er einen Mitschüler, er wirkt nicht motiviert wie die anderen Schüler. Sein Name ist David. Der Schüler erfährt, dass er demotiviert ist, da die Lehrer ihn nicht wirklich beachten. Seine Werte werden nicht richtig notiert und wegen Zeitmangels werden einige Versuche bei ihm übersprungen. Der Schüler wird skeptisch, es passt nicht ganz in das Schema rein. Der Schüler nimmt ihn mit zum Sprint. Sie treten gegeneinander mit zwei weiteren Schülern an. Auf den ersten Metern baut sich der Schüler einen Vorsprung auf, doch plötzlich zieht David an ihm vorbei. Es ist relativ knapp, doch David ist vor dem Schüler am Ziel angekommen. Die Aufsichtsperson atmet tief durch die Nase und scheint zu versuchen, sich nicht aufzuregen. David ist sich sicher, dass es wieder an ihm liegt und will sich nun ganz von den Spielen zurückziehen. Der Schüler sieht die Entscheidung als vernünftig. Der Lehrer spricht dem Schüler und gibt ihm kurz als Anmerkung, dass er es besser kann.
Die Reichsjugendspiele gehen zu Ende und der Schüler ist stolz auf seine Leistung. Doch nun macht er sich keine Gedanken, die Erschöpfung ist ihm anzumerken. Ohne große Gespräche macht er sich auf den Weg nachhause. Seine Eltern fragen ihn, wie es lief. Doch mehr als ein „Gut“ kommt vom ihm nicht.
Zwei Wochen vergehen und die Ergebnisse der Reichsjugendspiele sind da. Der Schüler war einer der Besten aus seinem Jahrgang und die Lehrer schenken ihm neuerdings viel Aufmerksamkeit. Doch er bildet sich darauf nichts ein und ist einfach damit zufrieden, weiter in der Werkstatt arbeiten zu können. Doch Dr. Heil schickt ihn wieder zum Rektor, diesmal hat er nichts Schlimmes getan. Er ist verwundert. Beim Rektor erfährt er, dass er als Soldat eingezogen werden soll, da er bei den Reichsjugendspielen solche herausragenden Leistungen erzielt hat. Daraufhin ist der Schüler schockiert. Die ganze Welt bricht für ihn zusammen. Nach dieser Nachricht schickt ihn der Rektor nach Hause. Er hat fünf Tage Zeit sich vorzubereiten und sich von seiner Familie zu verabschieden.
Als er nach Hause kommt, ist er immer noch so schockiert, dass er es seinen Eltern nur grob erklären kann. “Wir sind stolz auf Dich! Jetzt kannst Du unserem Land dienen!” Doch in ihren Gesichtern sieht der Schüler auch Trauer und Angst. Er beschließt, seine letzten Tage an der Schule zu verbringen, an der er schon so viel Schönes erlebt hat. Doch als er am nächsten Tag in die Schule geht, kann er nicht mehr in die Schreinerwerkstatt. Diese wurde auf den Anlass des Rektors zu einem Schutzraum umgebaut. Die Wirren des Krieges, die dem Schüler die ganze Zeit so fern schienen, haben ihn auf einmal eingeholt und er kann die Situation noch nicht ganz verstehen. Doch er möchte diese Tage an der Schule noch irgendwie genießen. Er geht auf den Schulhof, um sich noch einmal den schönen Turm der Hindenburgschule anzuschauen. Auf diesem sieht er nun, aber mehrere Soldaten des Luftschutzes, die nach Bombern Ausschau halten.
Der Schüler macht sich nach diesem ungewöhnlichen Schultag auf den Heimweg. Als er zuhause ankommt, hält er es nicht mehr aus und bricht vor seinen Eltern in Tränen aus. Er möchte nicht in den Krieg ziehen, sondern weiter an der Schule bleiben, die ihm so viel Spaß gemacht hat, bevor diese ganzen komischen Ereignisse passiert sind. Seine Eltern versuchen ihn zu beruhigen, aber haben selbst mit den Tränen zu kämpfen, da sie ihr Kind womöglich nie wieder sehen könnten. “Gehen wir schlafen.” Damit beendet der Vater den Tag, denn geheult wird nicht!
Der Soldat wird schließlich in die Wehrmacht eingezogen und an die Westfront geschickt; seitdem hat man vom Soldaten nichts mehr gehört.
Der Hausmeister
Nach den Reparaturen am Altbau, der anders als große Teile Offenbachs wenigstens nicht in Trümmern lag, ist nun der Neubau der Schule errichtet, und der Hausmeister packt kräftig mit an (2). In den Fluren sieht er immer mehr Schüler in neuer, schicker Kleidung. Ihre Essensboxen sind gut gefüllt mit frischem Obst und belegten Broten, was ihn überrascht, zumal es bis vor Kurzem noch sehr anders aussah. Dank der neuen Gymnasien in Offenbach hat sich die Überfüllung der Schule deutlich reduziert (2). Während seiner Arbeit bemerkt er auf der Parkstraße eine Masse protestierender Studenten, darunter einige bekannte Gesichter. Unbeeindruckt setzt er seine Arbeit fort, damit die Schüler nicht darunter leiden. Er überprüft die elektrischen Leitungen, installiert neue Lampen und repariert Möbel, während draußen der Wandel stattfindet. Unermüdlich sammelt er die unzähligen Flyer auf, die auf dem Hof des Altbaus herumfliegen, und gewährleistet eine saubere Schule.
Der Rebell
Nach längerer Zeit wird auch der Altbau renoviert. Die Schule hat außerdem neue Stühle und Tische bekommen und Jakob freut sich besonders auf die neue Schuluniform. Endlich kann er seine lumpigen Klamotten wegwerfen.
„Oh Schatz, diese Küchenmaschine ist ja fantastisch!“ hört Jakob seine Mutter sagen. Er spürt die Veränderung in jeder Ecke seines Lebens. Sein Vater hat nach Jahren der Arbeitslosigkeit eine Stelle in einer Baufirma gefunden(1), während seine Mutter, wie auch andere Frauen, einen Job im Büro annimmt. Seine Familie kann sich endlich ein Auto leisten und das zusätzliche Einkommen ermöglicht es der Familie Becker, in eine größere Wohnung zu ziehen und Jakob mit allem nötigen für seine Schullaufbahn auszustatten.
Die Lehrer an der Leibnizschule sind stark auf Disziplin und Ordnung bedacht,(2) trotz der großen Veränderungen. Für Jakob ist der Schuldirektor, Herr Müller, ein strenger, aber gerechter Mann, der großen Wert auf Fleiß und Leistung legt. „Deutschland braucht gut ausgebildete junge Männer,“ pflegte er zu sagen. „Ihr seid die Zukunft unseres Landes.“ Wie auch er ist der Unterricht anspruchsvoll, aber Jakob genießt die Herausforderung.
Die Schüler haben einen strengen Stundenplan, der stark auf naturwissenschaftliche und technische Fächer ausgerichtet ist. Jakob mag besonders den Physikunterricht bei Herrn Braun, der immer wieder faszinierende Experimente durchführt und die Klasse mit seiner Begeisterung ansteckt. Jakob merkt, dass trotz des hohen Druckes, es wenig Raum für Kreativität und persönliche Entfaltung gibt, was ihn auch in den nächsten Jahren stutzig macht. Auch Geschichte beschäftig sich auffällig nur mit der Antike und dem Mittelalter.
Endlich ist Jakob ist kein kleiner Junge mehr. Er hat seiner Mutter versprochen, immer zur Schule zu gehen und den Lehrern zu gehorchen, doch dieses Jahr ist es anders. Er merkt wie sich die Welt um ihn herum verändert und sich auch verändern muss. „Wieso ist das System eigentlich so?“, hinterfragt sich Jakob immer wieder. All die Missstände der Jahre davor haben Jakobs Leben auf eine brisanten Weise verändert, wie zum Beispiel die Währungsreform oder die Errichtung der Berliner Mauer im Jahre 1961. „Deswegen muss sich doch alles zum Positiven ändern!“, sagt Jakob selbstsicher.
In Jakobs Schule ist der Wandel spürbar. Er will, dass sich nicht nur die Wirtschaft verändert, auch der Altbau muss demokratischer gestaltet werden(4)! Während er darüber nachdenkt, entdeckt er Flugblätter, die zum Demonstrieren und geheimen Treffen auffordern, zu denen Jakob eines Tages entschlossen hingeht.
Diese Treffen finden meistens in einem kleinen Raum im Keller der Schule statt. In den Treffen werden Notwendigkeiten von Reformen diskutiert, „Wir müssen auch gegen die Schule protestieren.“ „Und Gleichberechtigung fordern!“ „Lasst uns das in die Schülerzeitung schreiben!“ Jakob ist beeindruckt, dass in so einen kleinen Raum so viele Schüler Zusammenhalt zeigen und genauso fühlen wie er. Jakob hört aufmerksam die Diskussionen zu und ist beeindrucken von jedem einzelnen Argument. Auch er will aktiv mit ihnen protestieren, schließlich ging es einfach ungerecht zu! Am nächsten Tag gehen sie gemeinsam auf die Straße, um gegen die undemokratischen Strukturen zu demonstrieren.
Eines Abends sitzen viele Studenten und Schüler stumm da, verzweifelt, als ob sie nicht mehr weiterwissen, doch dann steht Jakob selbstbewusst auf, sieht in die Runde und sagt leidenschaftlich: „Leute, wir dürfen niemals aufhören. Wir müssen weiterkämpfen, für unser Recht auf Mitbestimmung, um unseren eigenen Weg gehen zu können. Wir können uns das nicht länger gefallen lassen. Es ist unsere Aufgabe für eine neue Struktur zu sorgen. Für uns! Für nächsten Generationen!“ Alle Blicke sind auf Jakob gerichtet und alle fangen plötzlich an zu klatschen und zu jubeln, als ob die Rede ihnen erneut Kraft gegeben hätte.
Um ihre Ziele im Altbau durchzusetzen, erheben sich Jakob und seine Kameraden eines Tages, während einer Schulversammlung und fordern mehr Mitsprache. „Wir wollen ein demokratisches Schulsystem und moderne pädagogische Konzepte!“ „Sowie auch soziale Chancengleichheit hier im Altbau.“(5) Der Direktor, sichtbar gereizt und verärgert auf die Aktivitäten der Schüler, versucht die Situation zu beruhigen. Das Einzige, was er wiederholend sagt, ist das Disziplin und Ordnung die Grundlage der Schule seien, doch seine Worte finden bei vielen Schülern kein Gehör. Da die Schüler gar nicht zu stoppen sind, wird die Schule von Polizisten umstellt und mehrere Schüler werden auf die Wache überführt, darunter auch Jakob, der dann auf der Polizeiwache verhört wird, um herauszufinden wer der Anführer dieser Truppe ist. „Wir erzählen euch gar nichts!“ Nachdem die Polizisten nichts von ihnen rausbekommen, werden sie auch schon wieder Stunden später entlassen. Jakob ist froh, dass die Polizei ihn nicht eingesperrt hat. Im Moment kann er es nicht leisten eingesperrt zu werden, genau dann, wenn er etwas erreichen kann.
Wie bisher, haben Jakob und seine Freunde viel mit der Schulleitung diskutiert, aber sie wollen nichts von den Forderungen der Schüler hören. „Wir dürfen trotzdem nicht aufgeben“, sagt Jakob, während er auf die enttäuschten Blicke seiner Mitschüler sieht. Sie nehmen nach wie vor an Großdemonstrationen(6) teil, um nicht die Hoffnung zu verlieren. Während der Demonstrationen kommen einige ihrer Lehrer auf sie zu. „Ihr wollt etwas verändern und wir möchten euch dabei helfen“, sagt Herr Braun zu Jakob, der ihn freudenstrahlend anblickt. Sie schließen sich den Kindern an und überlegen gemeinsam mit ihnen, die Ideen der Schüler umsetzen zu können. Anstatt in den Unterricht zu gehen, treffen sich die Lehrer und Schüler im Keller oder marschieren durch die Straßen, um mehr Anhänger zu gewinnen. Durch die Unterstützung der Lehrer fühlt sich auch Jakob viel selbstbewusster und weiß das er mit ihnen den Altbau zu einem glücklicheren Ort erschaffen kann. Und endlich kommt es auch dazu.
Nach wochenlangen Protesten und Verhandlungen gibt die Schulleitung schließlich nach. “Was wollt ihr denn eigentlich in der Schule verändern?”, fragt der Schuldirektor Jakob neugierig, wobei Jakob frech grinsen muss. Und so kommt es, dass der ganze Altbau gemeinsam über die zukünftigen Gestaltungen der Schule und des Schulalltags diskutieren. „Ein demokratischer Schulalltag“- überlegt Jakob beim Anblick ihrer Zusammenarbeit und muss wieder grinsen. Er kann es selbst kaum fassen, was sie mit ihren Protesten, der Zusammenarbeit mit den Lehrern und auch der Schulleitung erreicht haben und alles erreichen werden.
Durch diese bunten Veränderungen merkt auch Jakob, wie sehr er sein neues Schulalltag gefällt und genießt die neu gewonnene Freiheit. Das ist aber doch nicht alles, was er erreichen kann, überlegt der Junge, “Wir müssen nicht nur den Altbau, sondern auch das Leben anderer Menschen verändern!”, sagt er zu seinen Schulkameraden. “Lass uns doch eine Art Bürgerinitiative(7) bilden”, hört Jakob einen seiner Mitschüler sagen und die anderen nicken begeistert. “Was auf jeden Fall wichtig ist, dass wir das Strafrecht neu ordnen (8). Es kann doch nicht legitim sein, dass mein Vater mich schlägt.”, was die anderen Schüler zum Lachen bringt. “Aber ob wir überhaupt so weit kommen können?”, fragt Leon, der Schüchterne aus dem Altbau, woraufhin Jakob einen Arm um ihn legt und ihn beruhigt. “Natürlich schaffen wir das. Wenn wir schon den Direktor von unseren Ideen überzeugen können, dann wieso auch nicht die ganze Nation!”
Mit seinem Abitur in der Hand schlendert Jakob ein letztes Mal durch die Flure des Altbaus. Er blickt stolz auf die Veränderungen zurück, die Kleinen – darunter, kaum zu glauben, jetzt auch Mädchen! – würden nun eine ganz andere Schulzeit erleben. Durch die Eingangstür blickt er auf seine alte Schule und flüstert “Danke, Altbau.” Kann es sein, dass die Säulen des altehrwürdigen Gebäudes “Danke” zurückflüstern oder ist es nur das Plätschern des Brunnens?
Der Hausmeister
Die Vielfalt der Schüler spiegelt sich in den neuen Aufgaben des Hausmeisters wider. Er sorgt dafür, dass die Schule für alle Kinder ein sicherer und sauberer Ort ist. Die Klassenzimmer müssen häufiger gereinigt werden, und er repariert ständig Möbel, die durch die erhöhte Nutzung beschädigt werden. Die Heizanlagen müssen regelmäßig überprüft werden, um sicherzustellen, dass die Räume warm bleiben. Er hängt sogar Informationsplakate in verschiedenen Sprachen auf, die den neuen Schülern helfen sollen. Einige dieser Schüler brachten ihm ein paar Wörter in ihren Sprachen bei. So sagte er fortan beim Blumengießen „Cresci, mio piccolo fiore, cresci“ statt „Wachs, mein kleines Blümchen, wachs“. Er kümmert sich weiterhin um den Schulgarten, pflanzt viele neue Blumen und pflegt die bestehenden Pflanzen, um den neuen Schülern ein Gefühl der Geborgenheit und des Willkommens zu bieten.
Der Migrant
Als der Lehrer das Klassenzimmer betritt, schauen seine Schüler ihn verwundert an und fragen sich, wer dieser neue Schüler ist und warum er keine Fragen beantworten kann. Das Aussehen und sein schüchternes Verhalten sind ganz anders als das der Klasse. Im Büro des Direktors befragt der Lehrer was der Schüler hier zu suchen hat.
Es ist ein neuer Schüler aus der Türkei, Ahmed, er ist ein Migrant, dessen Eltern sich eine bessere Zukunft hier erhoffen. Er hat Glück, denn die Schule hat kaum Plätze frei für neue Schüler (1), trotzdem darf er auf der Schule bleiben. Seine Familie sind lange Zug gefahren, um hier Sicherheit und Arbeit als Gastarbeiter zu finden, denn seine Heimat leidet unter Armut. Nachdem der Lehrer Bescheid weiß, versucht er Ahmeds Unsicherheit zu mindern, indem ihm die komplette Schule gezeigt wird. Seine Augen folgten den Bewegungen des Lehrers, seine Ohren lauschten den noch wenig vertrauten Wörtern.
“Çocuklar neden bana garip bakıyor?“.2
Der Lehrer versteht durch Mimik und Gestik, dass Ahmed sich wundert, weshalb er angeschaut wird. “Die Klasse ist neugierig. Sie wollen wissen, warum du hier bist und vielleicht sogar sich mit dir anfreunden.“ Ebenso bringen sie ihm einige Worte bei, die die Lehrerin wohl nicht an die Tafel schreiben würde. Seinen ersten Schultag hat der Schüchterne sich nun ganz anders vorgestellt. Der Lehrer fordert ihn auf sich hinzusetzen. „Hier ist ein Platz frei.“, ruft ein Schüler und zeigt auf den freien Platz neben sich.
Die ersten Unterrichtseinheiten kann er kaum mitverfolgen, da die Sprache noch ein großes Problem darstellt, trotzdem zeigt er Engagement. In seinen Augen erkennt man einen Willen, die Sprache besser zu lernen, jedoch Nachhilfe können sich seine Eltern nicht leisten. (3) Obwohl seine Stärken in allen naturwissenschaftlichen Fächern, wie Chemie, Physik und Biologie, aber auch in Mathe liegen, kann er sich kaum beteiligen, da ihm das Verständnis fehlt, wonach er sich sehnt. Einige Lehrer und Schüler versuchen ihn zu unterstützen, wo sie können, und helfen ihm, sich weiterzuentwickeln. Ahmed ist aber viel zu schüchtern, weshalb er jede Hilfe verweigert, die sie ihm bieten. Aber einige lachen auch komisch. “Knoblauchfresser!” Ist er damit gemeint?
Zuhause, welches gar nicht als solches anfühlt, erzählt er seinen Eltern nichts aus der Schule. Sie sind erschöpft von der Arbeit in der Fabrik. So denkt er nur: “Ich kann schaffen das.”
Wochen vergehen, aber Deutsch bleibt schwierig. Aber dann kommt eine Matheaufgabe, die alles verändert: “Erst Klammer, dann andere Klammer und zusammen.” “Danke, Ahmed, für deine Hilfe, du bist echt schlau.” Seine Mathekenntnisse sind hervorragend. Der Lehrer erkennt, dass Ahmed sich immer mehr öffnet und nicht mehr schüchtern wirkt. Auch in Deutsch wird es besser, denn er erklärt seinem Sitznachbarn Mathe, dafür hilft der ihm mit der deutschen Sprache.
Ein paar Monate sind vergangen. In einer Pause versammelt sich fast die ganze Klasse. Ahmed erzählt nämlich von seiner Kultur. “Bei Hochzeiten tragen wir rote Kleidung. Essen ist viel mit Eier und Fleisch.” (4) Ahmed strahlt vor Freude, als er die Fragen beantwortet und seine Erinnerungen teilt.
Die Schüler haben sich mit dem Neuling mittlerweile gut angefreundet und verbringen auch jede Pause zusammen. Ahmed gilt als Klassenbester in Mathematik und wird somit sehr oft nach Hilfe gefragt und bietet diese auch gerne an. Inzwischen erzählt er auch seinen Eltern aus der Schule. Ane und Baba sind fasziniert von der Großzügigkeit und Herzlichkeit der Klasse und des Lehrers, dankbar und stolz auf ihren Sohn.
“Çok teşekkür ederim.”5
Das Schuljahr neigt sich dem Ende zu. Ahmed erhält eine Auszeichnung für seine herausragenden Fortschritte. Er ahnt nicht, dass eine Ausnahme wie er in Zukunft die Gesichter des Altbaus und überhaupt Offenbachs sein werden.
Der Hausmeister
Der Hausmeister hat sich an die modernen Technologien angepasst. Jeden Morgen überprüft er die Kabel der Computer und Tabletkoffer, tauscht Defektes aus und sorgt dafür, dass die Internetverbindungen stabil sind. Die Klassenzimmer desinfiziert er regelmäßig, besonders nach der Corona-Pandemie (4), um die Gesundheit der Schüler zu schützen. Er prüft die Lüftungssysteme und stellt sicher, dass die Luftqualität gut ist. Nachhaltigkeit ist ihm wichtig: Er installiert energiesparende Lampen und verwendet umweltfreundliche Materialien bei Reparaturen. Mit der Zeit hat sich auch sein Verständnis von Verantwortung und Engagement gewandelt. Anlässlich des 17. Mai entschied er, seine Rolle über die alltäglichen Aufgaben hinaus auszudehnen. Er hängt nun eigenständig drei Fahnen auf: die der demokratischen Bundesrepublik Deutschland, die Hessens und die LGBTQ-Flagge. Dies tut er als Zeichen seiner Solidarität und zur Anerkennung des Fortschritts Deutschlands. Ihm reichte es nicht mehr, unmündig zu sein, und er erkannte9 seine moralische Pflicht, die Werte seines hart erkämpften freiheitlich-demokratischen Landes stolz zu vertreten. Die Schule bleibt immer in einem gepflegten Zustand, und er ist die verlässliche Kraft im Hintergrund, die alles zusammenhält.
Das Mädchen
Die Sonne brennt erbarmungslos auf das alte Ziegeldach der Leibnizschule in Offenbach, während das Klassenzimmer im obersten Stockwerk des Altbaus sich unter der Hitze zu erwärmen beginnt. An diesem schwülen Tag sitzt das Mädchen, das in die siebte Klasse geht, am Fenster. Ein schmaler Blick auf den blauen Himmel bietet sich ihr, doch damit kaum Erleichterung. Die Dachfenster lassen nur wenig Luft herein und die Hitze drückt schwer auf sie und ihre Mitschüler.
Die Pandemie hat tiefe Spuren hinterlassen. Die Schulschließungen und der Lockdown haben Isolation und fehlende soziale Kontakte mit sich gebracht. Diese ständige Einsamkeit und Flucht in die sozialen Medien, die voll von unfassbar schönen Menschen sind, hatten bei ihr zu einer Essstörung geführt. Heute noch kämpft sie mit den Nachwirkungen, oft Zuflucht suchend auf der Schultoilette, um dem Druck zu entkommen.
Die Zeit nach dem Ausbruch von COVID-19 markierte einen Wendepunkt im Leben des Mädchens. Als die Pandemie begann und die Schulen geschlossen wurden, fühlte sich alles plötzlich so unsicher an. Pläne wurden zunichte gemacht, Routinen zerstört und die Zukunft schien ungewiss. Anfangs fand sie es sogar ein wenig aufregend – die Vorstellung, zu Hause zu bleiben und keine Schule zu haben, klang verlockend. Doch bald wurde ihr klar, dass diese Veränderungen auch ihre Schattenseiten haben würden.
Die soziale Isolation ist besonders schwer für das Mädchen. Nicht mehr in die Schule zu gehen, ihre Freunde nicht mehr zu sehen und ihre gewohnten Aktivitäten nicht mehr ausüben zu können, hat dazu geführt, dass sie sich einsam und verloren fühlt. Auch ihre beste Freundin Isabell meldet sich nicht mehr. Die Ungewissheit darüber, wie lange diese Situation dauern wird, wie oft und wie hart das Virus noch zuschlagen wird und welche Auswirkungen es auf ihr Leben haben wird, macht sie ängstlich und unsicher. In dieser Zeit findet sie Trost in der Kontrolle über ihr Essen. Da sie zu Hause war und weniger abgelenkt wurde, begann sie, sich intensiv mit ihrer Ernährung zu beschäftigen. Sie begann, Kalorien zu zählen, bestimmte Lebensmittel zu vermeiden und ihr Gewicht regelmäßig zu kontrollieren. Essen ist zu einer Möglichkeit, ihre Ängste und Unsicherheiten zu kontrollieren geworden – zumindest für eine kurze Zeit.
Die Tage vergehen und die Pandemie dauert länger an als erwartet; wieder beginnt eine neue Welle. Die Nachrichten sind voll von Berichten über erneut steigende Infektionszahlen, überlastete Krankenhäuser und den Tod von geliebten Menschen. Die Welt um sie herum scheint aus den Fugen zu geraten und sie fühlt sich hilflos und überfordert. Inmitten all dieser Unsicherheit und Angst verliert sie sich immer mehr ins Nicht-Essen. Ihre Eltern bemerken ihre Veränderungen und versuchen, ihr zu helfen, aber sie ist festgefahren in ihrem eigenen Kampf. Das Mädchen fühlt sich gefangen zwischen dem Drang, dünn zu sein, und dem Wunsch, normal zu sein. Jeder Blick in den Spiegel ist eine Qual, jede Mahlzeit ein Kampf. Doch je mehr sie abnimmt, desto stärker wird die Stimme in ihrem Kopf, die ihr sagt, dass sie nie dünn genug sein wird1.
Die ständigen Vergleiche mit den Bildern auf Instagram und TikTok, die scheinbar perfekten Leben und Körper, setzen ihr zu. Anstatt soziale Kontakte über solche Plattformen zu knüpfen, sieht sie viele schöne Frauen, die das Gefühl in ihr auslösen, niemals mithalten zu können.
Jedes Mal, wenn das Mädchen sich in die Kabine begibt, sieht sie die demolierten Toiletten-anlagen und die vollgeschriebenen Türen und Wände mit vielen verstörenden Anmerkungen. „Du bist hässlich” und diverse Sticker der Offenbacher Stadtlandschaft befinden sich auf den Wänden. Trotz der Versprechen des Schulsprechers, die sanitäre Anlage zu renovieren, gibt es keine Veränderung. Auch der Vorschlag eine „Toilettennutzungsgebühr” einzuführen, um die Sanierung zu finanzieren, wird von der Schulleitung abgelehnt (2).
Der Sommer bringt nicht nur Hitze ins Klassenzimmer, sondern auch die Erinnerung an die Klimakrise, die immer präsenter wird. Das Thema Klimabildung besonders im Fokus. „Fridays for Future“ hatte zu Demonstrationen aufgerufen und in ganz Deutschland waren 271 Demonstrationen angekündigt (3). Auch an der Leibnizschule ist das Thema ständig präsent. Einige Mitschüler engagieren sich aktiv in der Bewegung, während andere die Schulstreiks skeptisch sehen.
Die Demonstrationen von „Fridays for Future“ und die Diskussionen in der Schule haben ihr gezeigt, wie wichtig es ist, sich für den Schutz der Umwelt einzusetzen. Sie weiß, dass ihre Generation eine wichtige Rolle spielen muss, um die Zukunft des Planeten zu sichern. Doch auch diese Demonstrationen finden Corona bedingt nicht mehr statt.
Im Unterricht werden die Schüler angehalten, sich mit den Ursachen und Folgen des Klimawandels auseinanderzusetzen. Doch trotz aller Diskussionen und Projekte fühlt sich das Mädchen oft machtlos. Wie soll sie als Einzelne einen Unterschied machen, wenn die großen Entscheidungen von Politik und Wirtschaft getroffen werden?
Die Lehrerin hat heute Morgen von den Bemühungen berichtet, mehr Nachhaltigkeit in den Schulalltag zu integrieren. Strom sparen, Müll vermeiden, Plastik verwerten – all das sind Maßnahmen, die langfristig einen Unterschied machen könnten. Doch zwischen Theorie und Praxis klafft oft eine große Lücke. Capri-Sonnen-Verpackungen: sämtliche von ihnen liegen neben Mülleimern herum. Es sind teilweise die simpelsten Dinge, die schon einen Unterschied machen könnten.
Nach dem Unterricht zieht sich das Mädchen in die schattigen Ecken des Schulhofs zurück. Die Mittagssonne brennt gnadenlos und die anderen Schüler verteilen sich träge auf dem Gelände. Die Essstörung hat ihr viel Energie genommen und oft fehlt ihr die Kraft, sich am Schulalltag zu beteiligen.
Die Globalisierung hat auch in ihrem Alltag Einzug gehalten. Sie ist ständig online, vernetzt mit der ganzen Welt, aber oft fühlt sie sich einsamer denn je. Der Druck, immer auf dem neuesten Stand zu sein, nichts zu verpassen, erzeugt eine ständige Unruhe in ihr. Sie fragt sich, wie andere es schaffen, so mühelos durch den Tag zu gehen, während sie oft das Gefühl hat, unter einem Berg von Erwartungen begraben zu werden (4).
In der Schule sind die Erwartungen hoch. Gute Noten, soziales Engagement, sportliche Aktivitäten – die Liste scheint endlos. Ihre Eltern haben große Hoffnungen und Träume für sie und das Mädchen will sie nicht enttäuschen. Doch manchmal ist der Druck zu groß. Die Freiheit, die ihr das digitale Zeitalter verspricht, fühlt sich oft wie eine Illusion an. Anstatt frei zu sein, fühlt sie sich gefangen in einem Netz aus Anforderungen und Erwartungen.
Doch trotz aller Herausforderungen und Unsicherheiten gibt es auch Momente der Hoffnung. Die Freundschaften, die sie nach und nach wieder aufbauen kann, die kleinen Erfolge im Unterricht und die Unterstützung durch ihre Familie und Lehrer geben ihr die Kraft, weiterzumachen. Die Zukunft ist ungewiss, aber sie weiß, dass sie nicht alleine ist. Gemeinsam mit ihren Mitschülern kann sie vielleicht einen kleinen Beitrag leisten, um die Welt ein Stückchen besser zu machen – und sei es nur durch das Bewusstsein und die kleinen Schritte im Alltag.
Die Glocke läutet zur nächsten Stunde, und das Mädchen macht sich langsam auf den Weg zurück ins Klassenzimmer.
Die Lehrer an der Leibnizschule bemühen sich, die Schüler zu unterstützen und ihnen den Übergang zurück zur Normalität zu erleichtern. Projekte zum Klimaschutz, Diskussionen über digitale Medien und ihre Auswirkungen und gemeinschaftliche Aktivitäten helfen, ein Gefühl der Zusammengehörigkeit zu schaffen. Auch wenn es nicht immer einfach ist, weiß das Mädchen, dass sie hier einen Ort hat, an dem sie wachsen und lernen kann – trotz aller Herausforderungen.
Im Unterricht wird viel über die Chancen und Risiken der Digitalisierung gesprochen. Die Lehrer betonen, wie wichtig es ist, kritisch mit Informationen umzugehen und nicht alles zu glauben, was im Internet steht. Das Internet ist allgegenwärtig und oft fühlt es sich leichter an, eine schnelle Google-Suche zu machen, als in einem alten, schweren Buch zu blättern (5). Und dann sind da noch die dünnen Influencerinnen, die das Leben des Mädchens so fade dastehen lassen. Aber auf dem Handy erscheinen auch Nachrichten über Krisen und Konflikte in fernen Ländern, die aber bis in ihr kleines Klassenzimmer vordringen. Die Welt scheint schon wieder bedrohlich zu sein, voller Unsicherheiten. Sie wird sie wohl kaum lösen können.
Im Geographieunterricht diskutieren sie die Auswirkungen der Globalisierung auf verschiedene Länder. Die Globalisierung bringe viele Vorteile, aber auch Herausforderungen. Es sei wichtig, dass die Zusammenhänge verstanden werden, um daraus zu lernen, wie man verantwortungsvoll handelt (6). Diese Worte klingen in ihrem Kopf nach, während sie versucht, die Nachrichten über internationale Ereignisse zu verstehen.
Pause. Der Schulhof. Das Gebäude, ein Ort des Lernens, der sozialen Interaktion und der persönlichen Entwicklung, ein stummer Zeuge für die Veränderungen, aber auch mit seinen Gründerzeitsäulen das scheinbar einzige Stück Beständigkeit im Leben des Mädchens. Und hinter einer dieser Säulen schaut die neue ukrainische Mitschülerin hervor und bietet ihr einen Leibnizkeks aus der Cafeteria an. Das Mädchen lächelt und beißt vorsichtig hinein.
Der Hausmeister
Im Laufe der Zeit bleibt der Hausmeister stets ein konstanter Anker an der Leibnizschule. Von den turbulenten Ereignissen des 20. Jahrhunderts bis hin zu den Herausforderungen der modernen Zeit hat er die Schule durch Höhen und Tiefen begleitet. Doch nicht nur die Schule hat sich im Laufe der Jahre gewandelt, auch er selbst hat eine Entwicklung durchgemacht. Vom stillen Beobachter zum engagierten Akteur: Der Hausmeister hat seine Rolle neu definiert. Anstatt nur ein Arbeiter im Hintergrund zu sein, hat er begonnen, aktiv an den Veränderungen teilzunehmen. Sein Handeln spricht von Solidarität, Fortschritt und Wertschätzung für die Vielfalt. Die Fahnen, die er eigenständig aufgehängt hat, sind ein Symbol für seine Überzeugungen und seinen Einsatz für eine bessere Welt. Die Schule mag sich im Laufe der Zeit verändert haben, aber der Hausmeister bleibt ein fester Bestandteil ihres Erbes. Seine Präsenz ist nicht nur in den Gebäuden spürbar, sondern auch in den Herzen derer, die er über die Jahre hinweg betreut hat. Da sich die Welt weiterdreht und neue Herausforderungen entstehen, wird er weiterhin ein verlässlicher Hüter sein, bereit, die Schule und ihre Gemeinschaft in die Zukunft zu führen.
Kapitel, Autoren und Quellen:
Kapitel “Der Rekrut” – Kaiserreich & 1. Weltkrieg: Fatih, Evgenij, Kenan
https://www.zeitklicks.de/kaiserzeit/alltag/kindheit-und-jugend/setzen-steh-auf-ruhe https://ww1.habsburger.net/de/kapitel/die-schulfront https://de.m.wikipedia.org/wiki/Grabenkrieg_im_Ersten_Weltkrieg https://www.youtube.com/watch?v=-ngDbzn_jgA https://www.studysmarter.de/schule/geschichte/erster-weltkrieg/kriegspropaganda-1-weltkrieg/
(alle abgerufen Mai 2024)
Kapitel “Der Junge” – Weimarer Republik: Esma, Jovana, Nadja, Fiona
1 https://www.zeitklicks.de/weimarer-republik/alltag/ab-in-die-schule/welche-schulen-gibt-es-in-der-weimarer-republik (abgerufen: 09.06.2024)
3 https://www.offenbach.de/microsite/haus_der_stadtgeschichte/stadtgeschichte/20-und-21-jahrhundert/offenbach-und-die-weimarer-republik.php (abgerufen: 09.06.2024)
4 https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/browse/current/13/section/4/sn/edb (abgerufen: 09.06.2024)
5 https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/HR35RMOWMYRQC5P4HGAD5PJYLYQJS6WS (abgerufen: 09.06.2024)
6 https://www.dhm.de/lemo/bestand/objekt/flugblatt-der-nsdap-arbeitslose-hier-der-verursacher-unseres-elends-um-1930.html (abgerufen: 09.06.2024)
Drittes Reich & 2. Weltkrieg: Noah, Connor, Mohamed
1 https://leibnizschule-offenbach.de/2023/06/01/eine-gedenktafel-fuer-die-im-holocaustermordeten-ehemaligen-schueler-unserer-schule/ (06.06.2024)
2 http://www.ls.schulen-offenbach.de/fileadmin/user_upload/Download/Festschrift.pdf (06.06.2024)
3 https://www.op-online.de/offenbach/namen-bildungseinrichtungen-offenbach-hindenburgleibniz-5493285.html (06.06.2024)
Kapitel „Der Rebell“ – Nachkriegszeit & 68er: Sevgim, Aliza, Sema
1 https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/das-junge-politik-lexikon/321452/wirtschaftswunder/
3 https://www.studysmarter.de/schule/geschichte/geteiltes-deutschland/studentenbewegung-1968/
4 https://www.siwiarchiv.de/1968-revolution-in-den-schulen/
5 & 6 https://www.planet-wissen.de/geschichte/deutsche_geschichte/studentenbewegung/index.html
7-9 https://www.studysmarter.de/schule/geschichte/geteiltes-deutschland/studentenbewegung-1968/
(alle abgerufen Mai 2024)
Kapitel „Der Migrant“ – Einwanderungswellen: Carla, Rudi, Daniel
• Rida-E-Zehre R. „Die Geschichte der Leibnizschule.“
• Mathilda N. „Die Nachkriegszeit an der Leibnizschule.“
• Max E. & Felix S. „Die Außenstelle der Leibnizschule.“
2. https://gencer-coll.de/fuer-unternehmen/fokus-tuerkei/unternehmensberatung/kultur-in-der-tuerkei
(alle abgerufen Mai 2024)
Kapitel „Das Mädchen“ – Heute: Marija, Irini, Alexandr, Sohail
2 https://www.magazin-schule.de/magazin/uns-stinkts-dreckige-schultoiletten/ (04.06.24)
Kapitel “Der Hausmeister”: Zamir, Riccardo
(4)—> https://leibnizschule-offenbach.de/wp-content/uploads/2021/03/merkblatt-schulen-infektion-022021.pdf

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