Die „Agenten der gepflegten Debatte“ (wobei der Begriff „Agenten“ hier am ehesten mit „Vermittler“ zu übersetzen sein dürfte (obwohl man die Vorstellung vom Geheimdienstler vermutlich aus Gründen der Coolness und Schüler:innennähe bewusst mitschwingen lässt 😉)) veranstalten politische Diskussionen mit dem Fokus darauf, die Auseinandersetzung über ein Thema auf der Basis und im Rahmen der durch das Grundgesetz gesetzten Freiheiten und Grenzen stattfinden zu lassen.

In der Funktion von „Agenten des Rechtsstaates“ besuchten sie am geschichtsträchtigen 9. November 2023 (85. Jahrestag der Reichspogromnacht, 35. Jahrestag des Mauerfalls) sowie am Folgetag die Leibnizschule – und der Fokus lag auf den durch die demokratische Verfassung garantierten Rechten und Freiheiten im Gegensatz zur Situation im Nationalsozialismus und in der DDR. An der Veranstaltung nahmen die PoWi-Kurse der Q1 teil und damit, da dass ein Pflichtfach ist, der gesamte Jahrgang.

Debattenbasiertes Projektlernen zum Thema Rechtsstaatlichkeit für die Schüler:innen der Oberstufe, unter anderem mit Wolfgang Thüle, einem Zeitzeugen der DDR

In der ersten Phase des Projekttages wurden die Schüler:innen auf die Thematik eingestimmt, indem sie sich im Austausch miteinander, angeleitet vom Organisator Helge Eikelmann, einer Definition des Begriffs „Rechtsstaat“ annäherten. In weiteren Gesprächen und einem Quizz wurden verschiedene interessante Fakten zum Thema Rechtsstaatlichkeit vermittelt und die Bedeutung der Meinungsfreiheit, des Grundgesetzes sowie von Fake News bzw. sogenannten „alternativen Fakten“ erörtert.

Im Anschluss an diese theoretische Vorarbeit konnten die Schüler:innen, eingeteilt in zwei Gruppen, die verschiedene Positionen vertraten bzw. deren Meinungen konträr fokussiert waren, selbst in einer (moderierten) Debatte Freiheit versus Sicherheit abwägen.

Darauf folgte ein Zeitzeugengespräch mit dem ehemaligen Turner Wolfgang Thüne, der zu dem Fragekomplex interviewt wurde, inwiefern er die DDR als Unrechtsstaat erlebt und was ihn zu seiner 1975 erfolgten Flucht in den Westen (in die BRD) veranlasst hat.

Zeitzeuge Wolfgang Thüne wird zur DDR und zu seiner „Republikflucht“ interviewt

Thüne berichtete zunächst, dass er, im Gründungsjahr der DDR 1949 geboren, in das System hineingeboren und gewachsen sei und es als Normalität kennengelernt habe, da er, da man im Osten von westlichen Informationsquellen oft relativ abgeschnitten war, nichts anderes kannte. Mit 9 Jahren sei er als turnerisches Talent entdeckt und gefördert worden, mit 13 Jahren habe man ihn „delegiert“ an ein Sportinternat, was als Auszeichnung gegolten, aber primär der Indoktrination und dem militärischen Drill auf den in diesem Falle sportlichen Erfolg hin gedient habe.

Er war dort Opfer von Zwangsdoping, erlebte die militärische Degradierung und Ausgrenzung eines befreundeten Kanuten bloß aufgrund des Besitzes einer aus dem Westen eingeschmuggelten Bravo-Zeitschrift und erlebte noch weitere Beispiele von Unrecht. Dazu zählten durchaus auch solche zu seinen Gunsten, etwa, dass er statt zehn Jahre nur ca. 4 Wochen auf ein Auto warten musste und eine neue Wohnung ebenso schnell zugeteilt bekam. Auch zahlte man ihm hohe Prämien für seine sportlichen Siege – dies allerdings nicht offiziell, und er konnte sie auch nicht offiziell verwalten, sondern die Gelder flossen auf ein Schattenkonto, das der Staat verwaltete und von dem Thüne bei Bedarf per Geldboten Beträge überbracht wurden. Die Organisation solcher Schattenkonten durch den Staat zeigt, wie sehr sich der Staat selbst der Unrechtmäßigkeit der nach außen proklamierten Gleichheit der Bürger bei faktischer Ungleichbehandlung  bewusst war.

Schließlich landete Thüne bei den Weltmeisterschaften im Turnen 1974 am Reck mit Silber ganz knapp hinter dem Westdeutschen Eberhard Gienger, was die DDR als ungeheure Schmach empfand. Thünes Training wurde daher unter Zwang derart verschärft, um die Schwierigekeitsgrade seiner Übungen und seine Erfolgsaussichten bei künftigen Wettbewerben zu erhöhen, dass er sich dreimal beinahe das Genick gebrochen hätte. Hier erfuhr nun Thüne am eigenen Leibe überdeutlich, dass der einzelne Mensch in der DDR nichts zählte, sondern im Zweifelsfall gnadenlos der Ideologie geopfert wurde.

Nach all den unzähligen Vorerfahrungen war dies der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, weshalb er sich zur Flucht entschloss – die natürlich nicht so, wie auf der Titelbild-Collage dargestellt, stattfand, sondern in dem nach Westdeutschland fahrenden Auto ebenjenes Eberhard Gienger, gegen den er im Vorjahr unterlegen war.

Nachdem die Problematik des Unrechtsstaates durch Thünes bewegenden Bericht ein fassbares individuelles Antlitz bekommen hatte, erhielten die Schüler:innen Gelegenheit, dem Zeitzeugen und dem Moderator des Interviews Fragen zum Berichteten und zu weiteren Aspekten des Unrechtsstaates DDR zu stellen.

In einer Abschlussrunde schließlich diskutierte Thüne mit den weiteren Gästen Stefan Mohr, Präsident des Amtsgerichtes Offenbach, sowie Jochen Remmert, Journalist der FAZ, über Rechtsstaatlichkeit in Deutschland, wobei nicht mehr nur die Situation im geteillten Deutschland auf beiden Seiten eine Rolle spielte, sondern auch die heutige Lage.

Stefan Mohr, Präsident des Amtsgerichtes Offenbach, Jochen Remmert, Journalist der FAZ, und Wolfgang Thüne, ehemaliger Turner der DDR und später der BRD, im Gespräch über Rechtsstaatlichkeit in Deutschland

Unterm Strich lässt sich wohl sagen, dass es sicherlich für viele Menschen mehr oder weniger viele Kritikpunkte an Details der Gesetzgebung und Rechtsprechung in Deutschland geben mag, es aber in jedem Fall von Vorteil ist, wenn ein einklagbares Recht existiert (wobei das der Bundesrepublik Deutschland sicherlich keines der schlechtesten darstellt). Einem Unrechtstaat hingegen ist man, wenn man ihm nicht dienlich ist (und letztlich, wie das Beispiel Thüne zeigt, selbst wenn man es ist), auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.
Das dürfte bei dieser Veranstaltung wohl deutlich und fassbar geworden sein.

 

 

 

(Bilder: Kel & Blu; unterstützende Hintergrundinformationen von Bba; Text und red. Bearb. von Text und Bild: Blu)

(Titelbild-Collage zur „Republikflucht” des Turners Wolfang Thüne 1975, dargestellt als Schwung über die Berliner Mauer, erstellt aus den folgenden zwei Bildern: Koard, Peter (Fotograf): Wolfgang Thüne ADN-ZB Koard 20-6.74 Berlin: 26. DDR-Meisterschaften im Turnen. Bundesarchiv, Inventarnummer: Bild 183-N0620-0035. Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_183-N0620-0035,_Wolfgang_Th%C3%BCne.jpg (12.11.2023, versehen mit der Creative-Commons-Lizenz CC-BY-SA 3.0); sowie Kübelbeck, Armin (Fotograf): Das Brandenburger Tor im Januar 1985 vom Westen aus fotografiert. Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Berlin_Wall_Jan_1985_09.JPG (12.11.2023, versehen mit der Creative-Commons-Lizenz CC BY-SA 4.0))