Am 14. und 15. Februar unternahmen die Ethik- und Reli-Kurse auch in diesem Jahr wieder Exkursionen zu vier verschiedenen heiligen Stätten in unserem Umfeld, damit ihnen dort vor Ort von den jeweils uns rein ehrenamtlich bereitstehenden Glaubensvertreter*innen die jeweilge Religion nähergebracht wurde. Dabei ging man sowohl auf die Glaubensgrundsätze und -inhalte ein als auch auf die Besonderheiten des jeweiligen Gebäudes bzw. Gebetsraumes und die dort abgehaltenen Riten.
Eine Station, deren Besuch für uns selbstverständlich ist, war die Neue Synagoge Offenbach – nicht zuletzt aufgrund der deutschen Geschichte und besonderen Verantwortung, aber auch angesichts der immer wieder auch heute noch erfolgenden Angriffe und bestehenden Ressentiments, natürlich aber auch, weil dieser Ort ein wesentliches Zeugnis Offenbacher Lokalgeschichte darstellt.
Die offizielle Bezeichnung „Neue Synagoge“ spart aus, dass die ehemalige Synagoge, das heutige Capitol in der Goethestraße, bereits ein Neubau war, der den ursprünglichen Synagogenbau von 1729 in der Großen Marktstraße ablöste (wie bei Interesse →hier nachzuverfolgen ist). Nach dem Krieg, erfahren wir, habe die Stadt Offenbach der Offenbacher Jüdischen Gemeinde (die die erste jüdische Nachkriegsgemeinde Deutschlands gewesen sei) das (wie man →hier und →hier nachlesen kann) 1938 in der Reichspogromnacht durch Brandstiftung weitgehend ausgebrannte und später zweckenfremdete Gebäude wieder angeboten. Dieses sei für die infolge des Holocausts deutlich kleinere Gemeinde allerdings nicht mehr sinnvoll nutzbar gewesen, weshalb man es der Stadt überlassen und stattdessen 1955-56 die Neue Synagoge gebaut habe. Der Neubau – insbesondere sein schiffsartiger Anbau von 1998 – weisen in Richtung der ehemaligen Synagoge und damit zurück auf die Geschichte dieser Gemeinde – und unserer Stadt.
Im Inneren dieser Neuen Synagoge nun erläuterte uns Rabbiner Antoniadi die Grundsätze und Besonderheiten des jüdischen Glaubens, die Regeln und Gesetze, die Bedeutung der Schrift (der Thora), das Verhältnis von Mann und Frau, die rituellen Feste und ihre Abläufe und vieles mehr.

Besuch in der Neuen Synagoge Offenbach mit Demonstration des Thora-Schreins und einer „Vorführ“-Thora durch Rabbiner Antoniadi
Eine Besonderheit waren ein Blick in den Thora-Schrein der Gemeinde mit ihren wertvollen handgefertigten Thora-Exemplaren und die Präsentation einer Vorführ-Thora. Mit Erstaunen vernahmen die Schüler*innen, dass eine Thora, wenn der Schreiber einen Fehler macht, neu angefertigt wird, die fehlerhafte beerdigt wird und in Zweifelsfällen das Urteil eines Kindes entscheidend ist, ob der handgeschriebene Text korrekt entzifferbar ist oder verworfen werden muss.
Eine weitere Station ist für uns stets eine Kirche – in diesem Jahr die Evangelische Kirchengemeinde in Bieber. Diese bildet gewissermaßen einen historischen Gegenpol zur Synagoge, wurde sie doch erst 1934-35, also unter nationalsozialistischer Herrschaft erbaut. Dem ehemals Lutherkirche genannten Bau sieht man an seiner Ausstattung die politische Orientierung ihrer Erbauer auch durchaus an – eine schwierige Erblast, die es der Gemeinde aufbürdet, sich immer wieder aktiv mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen, da sie einem insbesondere durch Kanzel und Altarbilder deutlich vor Augen geführt wird.

Details der bis zur Eingemeindung Biebers 1938 Lutherkirche genannten Kirche der Evangelischen Kirchengemeinde Bieber
Auch eine Moschee wird jedesmal aufgesucht, in diesem Jahr die Mevlana-Moschee, die sich bis jetzt noch – als Provisorium – in einem Fabrikgebäude befindet, aber einen groß angelegten Moscheebau in Offenbach in Angriff genommen hat. Damit wird die Gemeinde wiederum ein historisches Gegengewicht zur deutschen Vergangenheit setzen, indem sie der Sichtbarkeit der Multikulturalität, die in Offenbach längst wieder herrscht, einen neuen sichtbaren Akzent verleihen wird.

Besuch in der Mevlana-Moschee mit Vorbeten durch Imam Ahmed Dogan und Informationsaustausch mit Frau Şimşek und Frau Kurt
Analog zur Mvlana-Moschee ist auch der Grudwara, die Gebetsstätte, der Offenbacher Sikh-Gemeinde in einem ehemaligen Fabrikgebäude lokalisiert und von außen wenig schmuck. Innen erlebt man – hier wie dort – etwas ganz Anderes: mit viel Hingabe gestaltete Gebetsräume und gelebte Religiosität.

Besuch im Sikh-Gurdwara Guru Nanak Darbar mit Lesung aus der Schrift (dem Buch, das als der letzte Guru angesehen wird) und Informationsaustausch und Fragestunde mit Herrn Gurpreet Singh
Die Schülerinnen und Schüler hatten überall Gelegenheit, ganz offen Fragen zu stellen, durchaus auch kritische, auf die man sich stets sachlich fundiert zu antworten bemüht war.
Der zweite große Baustein des EP-Projekts stellen die Expertengespräche dar, zu denen Vertreter ganz unterschiedlicher Weltanschauungen in die Schule geladen werden.

Dr. Thomas Regehly vertritt in den Expert*innengesprächen Arthur Schopenhauers philosophische Ansichten über Religion. (Leider haben wir vor lauter Diskussionseifer der Schüler*innen versäumt, auch die anderen spannenden Gespräche fotografisch zu dokumentieren, wofür wir um Verzeihung bitten möchten – Herr Dr. Regehly steht hier exemplarisch natürlich auch für die anderen Expert*innen!)
Vertreten waren in diesem Jahr
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Fr. Aydin: (sunnitischer) Islam
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Fr. Goihl: katholisches Christentum
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Hr. Regehly (Schopenhauer-Gesellschaft): philosophisches Weltbild des subjektiven Idealismus
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Fr. Steinbach: Atheismus
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Hr. Grimsehl: Agnostizismus
Auch in diesen Expertenrunden konnten die Schülerinnen und Schüler ihre Kenntnisse über unterschiedlichster Weltbilder erweitern, so andere Perspektiven kennenlernen und sich in Toleranz üben. Im Idealfall können und sollen diese Gespräche für beide Seiten fruchtbar sein, und das wird uns in der anschließenden Nachbesprechung mit den Expertinnen und Experten auch regelmäßig zurückgemeldet.
Auch in diesem Jahr fielen die Rückmeldungen von beiden Seiten – denn wir haben auch die Schülerinnen und Schüler dazu beftragt – weit überwiegend positiv aus.
Wir danken daher allen Beteiligten und werden nicht müde werden, das Projekt auch in Zukunft weiterzuführen und weiterzuentwickeln.
(Text undf Bild und red. Bearb.: Blu)
P. S.: Aufgrund des großen Interesses, dass von Schülerseite dem Text entgegengebracht wurde, auf den sich Herr Regehly bezog, möchten wir diesen hier verlinken. Es handelt sich um Arthur Schopenhauers Dialog „Über Religion“, den wir unter drei Adressen gefunden haben:
- Arthur Schopenhauer: Sämmtliche Werke. Herausgegeben von Julius Franenstädt. Band 6. Leipzig: F. A: Brockhaus 1874; darin: Kap. XV: Ueber Religion. §175: Ein Dialog; S. 347-386; als Digitalisat (in Fraktur!) unter: https://www.google.de/books/edition/S%C3%A4mmtliche_Werke/xG9iq7t6rh0C?hl=de&gbpv=0
- Arthur Schopenhauer: Ueber Religion und Schicksal. Leipzig: F. A: Brockhaus 1891; darin: Ueber Regligion. Ein Dialog; S. 3-58; als Digitalisat (in Fraktur!) unter: https://www.google.de/books/edition/Ueber_Religion_und_Schicksal/CIpBAQAAMAAJ?hl=de&gbpv=0
- Als HTML-Text: https://ahipler.home.ktk.de/kritik/religio1.htm – allerdings fehlen hier die zwei letzten Äußerungen der Gesprächspartner


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