„Die Natur ist voll Grausamkeit und Schönheit. Und ihre Grausamkeit ist ihre Schönheit.“

Als erstes großes Stück in der neuen „Blackbox“, dem kürzlich mit aufwendiger Technik eingerichteten Raum für Darstellendes Spiel an der Leibnizschule, zeigte am Donnerstag und Freitag, den 2/3 Februar 2012, der DS-Kurs der Jahrgangsstufe 13, unter der Leitung von Johannes Preissner, seine Inszenierung der Trash Oper „Haltestelle. Geister“ von Helmut Krausser. Mit teilweise  schockierenden Bildern, drastischer Sprache und düsterer Geräuschkulisse erschufen die jungen Schauspieler eine beklemmende Atmosphäre, in welcher der Zuschauer die bedrückende Sinnlosigkeit und den verzweifelten Kampf, einer Randgruppe, um einen Platz in der Gesellschaft spüren konnte.
Mit dem Fokus auf die Abseitsstehenden in unserem Gesellschaftssystem, fordert „Haltestelle. Geister“ den Beobachter auf, seinen Alltag bewusster wahrzunehmen und ab und an auch dem Obdachlosen an der Bushaltestelle seine Aufmerksamkeit zu schenken.
Schockierend, unbequem, aber nicht ohne die Hoffnung aufzugeben!

So fasst Malin K., die selbst in zwei sehr unterschiedlichen Rollen in dieser Inszenierung brillierte, Ziele und Umsetzung dieses Schauspielprojekts zusammen.

 

Aber so, wie auf der Bühne im Hintergrund die Geister der zuvor (i. e. vor ihrem Ableben) noch im Vordergrund präsent gewesenen Figuren ihre Pläne und deren Umsetzung reflektierten, wollen wir dies auch hier versuchen:

Womit das Stück schockierte, war die Plastizität der allgegenwärtigen Nähe des Todes. Während des gesamten Stückes saß er seitab auf der Bühne, verkörpert passenderweise durch einen leichenblass geschminkten Max A. (…in dessen Nachname der Lateiner eine gewisse Ironie in der Rollenverteilung bemerkt, klingt doch in seinem Namen das lat. albus=weiß an), ins Dunkel der hintersten Bühnenecke und eines schwarzen Mantels eingehüllt, aus dem neben seinem damit kontrastierenden weißen Gesicht lediglich hin und wieder die Glut seiner (elektronischen) Zigarette aufleuchtet – wie man dank diversene Anti-Rauch-Kampagnen weiß, mehr ein Todes- denn ein Lebenszeichen…

Schockierend war aber nicht seine pure Anwesenheit, vielmehr war es die fehlende Bereitschaft der Figuren, aus der Erfahrung der Begrenztheit des Lebens irgendwelche wie auch immer gearteten Konsequenzen zu ziehen. Man nahm es hin, dass eine Figur nach der anderen starb: Freunde, Geliebte, Ehepartner, die überfahren, erschossen, erschlagen oder erwürgt wurden, schienen den Hinterbliebenen kaum zu fehlen, nur zu bereitwillig verdrängte man den Verlust und die heraufdämmernde Angst vor der eigenen Sterblichkeit, warf sich in neue Beziehungen oder flüchtete sich in Phantasie- (oder vielleicht auch reale andere, außerirdische) Welten – wie Gracia Gala, die Prinzessin vom Planeten Tallulah, von Lisa K. mit großer Spielfreude dargeboten.

Ausnahmen von dieser Verdrängung gab es kaum, Anflüge allenfalls von Schreck und Entsetzen, Verlustempfinden und Trauer – wäre da nicht Malin K. als Conny gewesen, die sich so bereitwillig submissiv in die Abhängigkeit der Beziehung zum Drogendealer Rico stürzt, dass ihr mit seinem Tod – auch für das Publikum spürbar – der Boden unter den Füßen weggezogen wird.

Alle anderen Figuren sind so sehr mit sich selbst und dem Genuss ihres Lebens und seiner dahinplätschernden Gewohnheiten samt deren wohldosierten Alibi-Exzessen beschäftigt, dass sie kaum gewahr werden, wenn der Tod wieder einmal den Rahmen ihrer Existenz durch- und zerbricht. Eine Trash-Oper eben soll es sein, und als Trash werden auch die Randexistenzen und ihre Schicksale inszeniert, die dem Zuschauer auf der Bühne begegnen. Eine intensive Begegnung kann und will das nicht sein (– I am the passenger –), zu sehr sind diese Figuren nicht als Mitglied der sozialen Gemeinschaft definiert, sondern stets noch auf dem Weg zu sich selbst (– and I ride and I ride –), zu sehr sind Figuren und Schicksale durch die Beliebigkeit des großstädtischen Alltags geprägt (– I see the city’s ripped backsides –), zu sehr erscheint den meisten von ihnen der Tod am Ende nicht als etwas Bedrohliches, sondern etwas, das auch nicht schlechter als ihr irdisches Leben sein kann (– I see the bright and hollow sky –) oder ihr Leben auf fernen (phantasierten) Welten (– I see the stars that shine so bright –), und vielleicht hoffen sie am Ende gar, dort sich selbst und einander zu finden (– And all of it is yours and mine –)…

Unter bzw. hinter der – von Maja Maric hervorragend überzeugend gestalteten – Maske von Vertretern diverser Trash-Klischees konnte man – im Subtext mehr denn auf einer Metaebene – die schauspielenden Schüler – gemeinsam mit ihren Figuren, darin aber zugleich erfolgreicher als diese – um Selbstbehauptung und Verortung des eigenen Ich in der Gesellschaft (des Kurses, des Jahrgangs, der Schule, des gesamten Umfelds) ringen sehen, und mancher wuchs dabei über sich hinaus und verkörperte Figuren, die man ihm oder ihr nie zugetraut hätte – wie etwa Niko A., der in seiner Rolle Rollenspiele zu absolvieren hatte, die sichtlich Figur und Schauspieler gleichermaßen zuwider waren, aber dennoch überzeugen konnten und damit illustrierten, wie reich das Potential eines jeden Individuums sein kann, selbst wenn der Einzelne im Alltag kaum je Gelegenheit, Willen und/oder Motivation dazu haben wird, dieses sein Potential auszuschöpfen auf der Suche nach dem eigenen Platz in der Gesellschaft.

Die Darsteller aus der Oberstufenkurs haben an diesen zwei Abenden ein wenig von dem ausgelotet, was sie ihrer Umwelt zu bieten haben – und das Publikum damit gut unterhalten.

Offene Fragen, die das Stück aufgeworfen hat, konnten sie nur bedingt beantworten, aber diese Arbeit müssen sie dem Zuschauer auch nicht abnehmen, der soll ja noch etwas von diesem Stück nach Hause tragen – und diejenigen, die an diesen beiden Abenden zugesehen haben, werden sicherlich auch noch ein paar Fragen zu wälzen gehabt haben – über Leben und Tod jener Randexistenzen – und was wohl dahinterstecken mag…

Die unterschiedlichsten Gestalten finden an der Haltestelle zusammen – ohne zu wissen oder wahrhaben zu wollen, worauf sie WIRKLICH warten: den Tod…

Diverse individuelle TODESarten sind für diese Randexistenzen der letzte Versuch, eine individuelle LEBENSart zu finden…

Malin K. macht in der beklemmensten und erschütternsten Szene des Stückes auf unbehagliche Weise spürbar, wie ausgeliefert man letztlich dem Tode ist…

Die Hinterbliebenen versuchen eine Neuorientierung – und suchen dabei auch aneinander Halt, da sie sonst keinen haben…

 

 

 

(Text: Malin K. (Q4) und Blu, unter Verwendung von Auszügen aus Iggy Pops Song „The Passenger“ (1977); Bilder: Blu und DS-Kurs Preißner)