Türchen 23

Michael Winterhoff

Deutschland verdummt: Wie das Bildungssystem die Zukunft unserer Kinder verbaut und wie wir das ändern können

Man muss nicht promoviert haben, um sachlich zu argumentieren und wissenschaftlich sauber zu arbeiten, aber Winterhoff polemisiert auch wieder in seinem letzten, 2019 veröffentlichten Buch erneut in unverantwortlicher Weise. Unverantwortlich deshalb, weil er seine fraglichen Thesen mit Beispielen aus dem Ausland (z.B. den USA), mit Witzen (!) über das deutsche Bildungssystem und anonymisierten Pseudo-Interviews, die Winterhoff passgenau das Wort reden, „belegt“. Das ist alles andere als seriöse, wissenschaftliche Arbeit. Während einige psychotherapeutische Aspekte durchaus sachkundig und nachvollziehbar erscheinen, präsentiert sich der Autor auf pädagogisch-didaktischem Terrain selbstüberschätzend mit Unwissen und Widersprüchen, untergräbt wichtige reformpädagogische Errungenschaften und beleidigt damit praktizierende Pädagoginnen und Pädagogen, die alltäglich Schule im Sinne heranreifender junger Menschen entwickeln. Meine erste, vom hetzerischen Titel geweckte Sorge, man sorge sich hier in erster Linie um die Verkaufszahlen, indem man Thilo-Sarrazin-Leser und Wutbürger anspricht, bestätigt sich leider im Text durch zahllose reißerische Aussagen, bewusste Überspitzungen, den inflationären Gebrauch von Reizwörtern wie „Katastrophe“, „katastrophal“ und „Desaster“, durch absurde Analogien (z.B. den Vergleich von Pädagogik mit der Straßenverkehrsordnung) sowie durch die konsequente Ignoranz positiver Entwicklungen. Eine Gefahr des Buches sehe ich in der bunten Mischung richtiger, in den Raum geworfener Fakten und haarsträubender, reißerisch formulierter Behauptungen, die jeder wissenschaftlichen und praktischen Grundlage entsagen. Das Fazit ist dann plötzlich so selbstverständlich wie platt: Es braucht mehr Geld im Bildungssystem für kleinere Klassen und mehr Fachkräfte. Jeder, der ein bisschen praxisbezogenen Einblick in das komplexe System von Schule, Erziehung und Bildung hat, kann sich über dieses Buch nur ärgern. Mit dieser Art der Polemik, die allein einer hohen Buchauflage Rechnung tragen zu wollen scheint, ist weder dem Bildungssystem noch dem gesellschaftlich wichtigen Diskurs darüber gedient.

Stt