Wir freuen uns, dass viele unserer ehemligen Schüler*innen uns treu geblieben sind und zur Zeit bei uns aushilfsweise unterrichten, sich in der Hausaufgabenbetreuung engagieren oder ein Praktikum machen, mit dem Ziel, Kolleg:in zu werden. Eine unserer ehemaligen Abiturient:innen jedoch gibt gerade ihre erworbene Bildung ganz woanders weiter, nämlich in Ghana! Hier ihr spannender Bericht – zum Nachahmen empfohlen!

Ankunft

Lieber Leserschaft, ich schreibe, wie alle Autoren mit Schreibblockade, im Urlaub am Meer sitzend, allerdings ohne tolles Heißgetränk und Laptop, weil Geld sparen, dafür aber mit toller Sicht, Hintergrundgeräuschen und Smartphone. 

Genau einen Monat bin ich nun schon in Ghana. Ein Monat so gefüllt, dass sich ums volle Glas herum schon eine Lache gebildet hat. 

Alles begann natürlich mit der Ankunft:

Am Freitag, den 2. September, stand ich um 4 Uhr morgens am Frankfurter Flughafen. Dort traf ich auf Amelie, eine Mitfreiwillige aus dem tiefsten Baden-Württemberg. Zusammen traten wir unsere Reise mit Turkish Airlines zuerst nach Istanbul an. Wir bekamen leckeres türkisches Frühstück und landeten gegen 11.00 in Istanbul. Dort machten wir uns auf die Suche nach den anderen Freiwilligen, da wir von Istanbul zusammen nach Accra fliegen würden. Da begann die erste Aufregung, weil Vanessa und Theresa nirgends aufzufinden waren. Es stellte sich heraus, dass Vanessa nicht durchgelassen wurde am Flughafen und den ganzen Security etc. Prozess noch einmal durchlaufen musste  – sie schafften es aber in letzter Minute zum Flieger. Mit allefrau an Deck landeten wir schließlich abends um 21:00 Uhr Ortszeit in Accra. Dort wurde ICH nicht durch die Kontrolle gelassen, da ich angeblich falsches Dokument hatte.  Angst war in meinen Knochen, doch unser Ansprechpartner der Partnerorganisation in Ghana ging an sein Handy und regelte das für uns.

Wir wurden abgeholt und ins ARA-Haus gebracht. ARA – unsere Partnerorganisation- steht für Agricultural and Rural Development Association und arbeitet mit dem deutschen Verein Ijgd – Internationale Jugend – und Gemeinschaftsdienste – zusammen. Im ARA-Haus bekamen wir 5 Tage Eingewöhnung inkl. Seminar, Kost, Logis und einen Ausflug zum Strand. Von dort aus ging es in unsere jeweiligen Städte…

Meine Gastfamilie/Heim

Nach und nach wurden alle Freiwilligen abgesetzt in ihren Heimen für ein Jahr. Wir alle werden dieses Jahr in einer ghanaischen Gastfamilie verbringen. Mein Weg ins Heim führte uns über die ausgebaute Hauptstraße rechts in eine seeehr zerfurchte, rotlehmige, ja, Straße. Das Taxi ruckelte zehn Minuten durch die Umgebung, wobei ich völlig meinen Orientierungssinn verlor. Schließlich blieben wir stehen – etwa vier Häuser entfernt von Palmen und Wald, ich wohne also am Rande von meinem Dorf. Agona Swedru kann nach ghanaischer Skala nicht als Dorf gewertet werden, da es befestigte Häuser gibt, für mich Stadtkind ist Natur, keine ausgebaute Straße und Ziegen und Hühner auf der Straße dennoch ein Dörflein.

Zuhause erwartet mich zuerst niemand. Zumindest niemand, den ich erwartet hätte. Mir wurde gesagt die 4-köpfige Familie bestehe aus Vater, Mutter, zwei Töchtern. Was tut nun der 16-Jährige in dem Wohnzimmer? Und vorallem, wieso hängt neben der ghanaischen Flagge im Wohnzimmer auch eine deutsche? Mein Mentor lässt mich mit ihm alleine, er muss die anderen noch abliefern, und Gastbruder und ich versuchen ein Gespräch zu führen. Es scheitert zuerst daran, dass wir beide zu schüchtern sind. Dann scheitert es daran, dass wir unsere Akzente nicht verstehen. Aber irgendwann klappt es doch und mittlerweile erklärt er mir jeden Tag wissenschaftliche Erkenntnisse und Prinzipien, er lernt nämlich intensiv für ein Stipendium. Später kommt meine Gastfamilie nach Hause, mein Gastvater begrüßt mich mit „Guten Tag“. Ich finde heraus, dass ich bereits die 15. Freiwillige in diesem Haushalt bin, mein Gastvater (aber auch wirklich die meisten Ghanaer) Deutschland-Fan ist, die Tochter zur Uni gegangen ist und deshalb zwei Neffen der Gasteltern hier wohnen, damit sie in Swedru zur Schule gehen können. Das Wohnen bei Familienmitgliedern für Schule ist nämlich Gang und Gebe in Ghana. Nun habe ich also statt zwei Schwestern zwei Brüder. 

An dem Abend packt mich heftiges Heimweh- ich hinterfrage alles und vorallem, ob ich es wirklich ein Jahr hier schaffen würde. Innerlich plante ich schon meinen Rückflug inklusive Walk of Shame, weil ich doch nicht durchgezogen hatte. Dieses Gefühl zog sich schubartig durch den ersten Monat, als positiver Fortschritt zu vermerken ist, dass ich bisher auf jeden Fall bis Ostern bleiben möchte (bis dahin werde ich vermutlich meinen Rückflug sogar nach hinten verschieben wollen, aber mal sehen). Heimweh ist schmerzhaft, aber auch ziemlich lustig. Mein sehnlichster Wunsch war Hauptsache weg und nun sehne ich mich nach … Ja nach was nun? Die Frage stellte ich mir an Tag zwei, wo ich mit Herzschmerz eingeschlafen auch mit Herzschmerz erwachte.

Nach einem Monat ist die Antwort: ich vermisse einige Menschen und möchte deren nächste Lebensschritte mitmachen, ich vermisse meine Katze schrecklich und eine Wlan-Verbindung. Ich vermisse ein Stück weit nicht ständig beobachtet, angefasst oder angesprochen zu werden, weil auf einmal ich diejenige mit anderer Hautfarbe bin, was mit Stereotypen verbunden ist. Ich vermisse es, die Sprache um mich herum zu verstehen. Ich lerne gerade Twi bzw. Fante, einen Dialekt von Twi. In Ghana werden neben Englisch 46 Sprachen gesprochen,  da versuche ich mich jetzt. Als ehemalige Deutsch- und Englisch-LKlerin sollten mir Sprachen ja liegen. 

Die Inflation breitet sich auch in Ghana aus, viele Preise haben sich verdoppelt und Benzin kostet beinahe genauso viel wie in Deutschland, bei viel viel niedrigerem Lohn. Umgerechnet verdient die Durchschnittslehrkraft nämlich ca. 200 Euro im Monat. Mit steigenden Preisen gibt es aber keinen Lohnanstieg. Ursprünglich wollte ich die Schule finanziell unterstützen mit meinen 100 Euro monatlichen Taschengeld, es fehlen nämlich Stühle, Bänke, Tische, Bücher und Materalien, durch Inflation hat mich allerdings ein Tagesausflug Cape Coast schon ein Zehntel meines Taschengeldes gekostet. 

Apropos Schule…

Mein Projekt

Ich arbeite dieses Jahr an einer staatlichen Schule namens Kwansakrom AEDA School. Es gibt jeweils eine Klasse von KG (Kindergarten) bis Junior Highschool. Dort sind 20-50 Kinder in einer Klasse. Das Schulsystem in Ghana ist anders als in Deutschland, hier ist der Kindergarten schon Schule, wo man ab drei Jahren das Alphabet und die Zahlen lernt. In KG 2 lernt man erste Wörter schreiben, den Unterschied von lebenden und nicht lebenden Dingen, Präpositionen etc., danach folgen Klasse 1-6, dann drei Jahre Junior Highschool, zwei Jahre Senior Highschool und danach direkt Universität, danach sowas wie Zivildienst in einer Firma, in der man hoffentlich danach auch arbeiten kann.

Kwansakrom mangelt es nicht an Lehrkräften (bzw. gibt es keine Sportlehrkraft, das wird dann einfach so gemacht), dafür aber an allem anderen, z.B. tropft es durch die Decke im Regen, es gibt einen Volleyball und Fußball für die gesamte Schule, keine Turnhalle oder Schwimmbad, keinen Softball (ich wollte so gerne Zombieball und Völkerball spielen), keine Materialien für Kunstunterricht. Volleybälle versuche ich nun anzuschaffen, da ich gerne ein Volleyballteam in den nächsten Schulwettkampf schicken möchte, wo ich die 200 GHC pro Ball (Ghana Cedi, umgerechnet ca 20 Euro) auftreibe, bleibt spannend, wir bräuchten theoretisch einen Ball auf zwei Kinder. Die Schule hat allerdings einen Computerraum, gestiftet von ehemaligen Freiwilligen und deren Familie/Freunde, was eine riesige Besonderheit ist, da die meisten Schulen Computer nur theoretisch behandeln können. Hier tropft es aber auch von der Decke. 

Das Lehrteam ist schnuggelig, sehr hilfsbereit und freundlich zu mir. Mir wird auch viel Freiraum gelassen, ich darf alle Klassen in allen Fächern unterrichten, wenn ich will und auch sonstige Projekte werden gut geheißen. Dato plane ich einen Workshop zum Thema Umweltschutz und einen zu Sexualkunde, was im neuen Curriculum aus dem Lehrplan geworfen wurde. Ghana hat nämlich eine neue Regierung, die mit leeren Versprechungen gelockt hat und gewählt wurde, unter anderem mit der Versprechung, staatliche Schulen zu fördern. Bislang wurde lediglich ein neues Curriculum veranlasst, ohne die versprochenen passenden Schulbücher bereitzustellen, weshalb die LehrerInnen noch nach altem Plan unterrichten. 

Die Schülerschaft selbst ist zuckersüß. Aus meinem Spitznamen „Lavi“ wurde schnell Madame Lovely (Oh Gottchen, da geht immer mein Herz auf), ein glücklicher Zufall, vor allem wenn die Kindergartenkinder „Madame Lovely! Madame Lovely!“ rufen und meine Hand halten wollen. Fasziniert sind die Kinder von allem an mir – meine glatten Haare “ deine Haare sind ja wie eine Perücke“, meiner Hautfarbe “ warst du nicht genug in der Sonne?“, dass man meine Adern sehen kann „wieso ist deine Haut hier grün?“, dass ich Piercings habe „geht das wirklich durch die Haut “ und Raunen wenn sie sehen, dass es wirklich durch meine Nase gestochen ist und zuletzt meine Tattoos, die sind nämlich auch rar hier. Ich durfte auch schon erklären, wieso Deutsche in Ghana mit offenen Armen aufgenommen und vice versa mit verschränkten Armen abgewiesen werden, ob jetzt dunkle oder helle Haut besser ist, ob ich meinen Kleidung verbrennen werde, weil sie von schwarzer Haut berührt wurde. Auch wenn die Antworten schwer fallen, bin ich froh, dass sie mich fragen. Mein Freiwilligendienst ist auch ein Lerndienst für alle und ich versuche mit den Kindern ein Verständnis für das Leben in Deutschland und Europa zu schaffen. 

Dass soviel Dinge für mich selbstverständlich waren und für die Kinder nicht, habe ich geahnt, wird mir aber jetzt erst wirklich bewusst. Zum Beispiel, dass ich alleine in einem Monat dreimal am Meer war, während mein Gastbruder es in seinen 16 Jahren nur einmal war. Kleine Dinge. Oder dass mein Minijob auf 450 Euro Basis umgerechnet doppelt so viel eingebracht hat als ein Vollzeitjob hier als Lehrkraft. Große Dinge.

Agona Swedru

Agona Swedru befindet sich in der Central Region in Ghana und ist ein sehr staubiger Ort (sage ich als Asthmatikerin). Natürlich gibt es noch mehr zu sagen, aber das fällt mir eben jeden Tag auf. Es gibt eine Hauptstraße, die in die Innenstadt führt, die Stadt ist um die Hauptstraße herumgebaut. Die Häuser wurden mehr oder weniger geordnet platzieren, überall sieht man wartende, halb fertige Häuser, wo den Besitzern das Geld ausgegangen ist. Sowas wir Hausfriedensbruch gibt es nicht, du darfst überall langlaufen, mein Schulweg führt an mehr Wäscheleinen vorbei, als ich welche besitze. Genauso viele Shops gibt es auch. Kleine Shops, Essenstände und Schneidereien finden sich so ziemlich alle 5 Meter, viel praktischer als ein Einkauf im Rewe. Zwischendrin findet sich immer wieder unbetastete Landschaft, viele Palmen und manchmal auch ein Friedhof. Die Straßen sind rot, hügelig und je nach Wetterlage matschig oder gerissen. Es laufen Ziegen, Katzen, Hunde und Hühner frei herum und irgendwo läuft immer Musik, auch nachts.

In der Innenstadt gibt es einen Supermarkt nach US-amerikanischen Standart und deren Preisen. Ansonsten gibt es Stände für alles (Elektronik, ghanaisches Fast Food, Lebensmittel, Hausmittel, Stoffe, Kleidung u.v.m.), einen dauerhaften Markt, Markttage Montags und Donnerstags, an denen jeder Schritt einen neuen Stand verspricht, hin und wieder Menschen, die singend und trommeln durch die Straßen ziehen. Und vieles, das ich noch entdecken muss. Natürlich wäre Ghana nichts ohne Kirche, daher….

Kirche

… mein erster und erst einziger Besuch in der Kirche. 

Vorab: in Ghana koexistieren das Christentum und der Islam friedlich. Christen hier haben mehr an anderen Christen auszusetzen, als an anderen Religionen. Es gibt sehr sehr viele christliche Abzweigungen hier. In Ghana befindet sich die größte Moschee ganz Westafrikas. 

Kirche ist traditionell Sonntags. Meine Gastfamilie geht zur Church of Christ, also stieg ich an dem Sonntag um 7.00 mit meinen Gasteltern ins Taxi, das uns zur Kirche brachte. Meine Gasteltern hatten mir ganz stolz ein Kleid extra für die Kirche gegeben, es ist wirklich schön. Die Kirche ist ein rechteckiger, geschmückter Raum, mit einer Bühne vorne und großen Boxen hinten. Ich wurde mit einem Übersetzer, der Gottesdienst ist nämlich auf Fante, zu den Gehörlosen gesetzt, was Beeinträchtigungen angeht ist Ghana sehr viel inklusiver als Deutschland. So verbrachte ich 4 Stunden in der Kirche, 1,5 Stunden davon ein Vortrag, wie ich mein Kind gut christlich erziehen könne. Gähn. Größtenteils beobachtete ich die immer wechselnden Gebärdendolmetscher, während mein nebenmir Übersetzer netterweise die gesamten vier Stunden Gottesdienst auf Englisch übersetzte. Kurz bevor ich kirre wurde, ging meine Gastmutter auf eine Taufe und ich durfte mit. Die Taufe fand nämlich à la Johannes im Fluss statt. Der Weg führte durch einen Palmenwald zu einer wunderschönen Szenerie. Unterbrochen wurde die Idylle von einem braunen, trüben Fluss. Leider. Die Taufe, ebenfalls auf Fante, war schön anzusehen, diesmal hatte ich keinen Übersetzer, also schaute ich nur zu. Als Abschiedsgeschenk bekam ich ein Stück Bambus, ich nahm es dankend aber verwirrt an. Die anderen kauten dann auf dem Bambus herum, während ich schon fast das Gestrüpp auf dem Weg mit dem Stock entfernen wollte. Der Bambus war dann doch Zuckerrohr. Solche kleine Situationen hatte ich schon Unmengen diesen Monat und freue mich schon Ghana weiter zu entdecken!

Eure Lavinia